"Nur wo Fortschritt ist, kann Geschichte gedacht werden"

Ein Friese aus der Landschaft Rüstringen

„Ich ward am 17ten Nov. 1776 in Jever, einem nicht volle zwei Stunden von der Nordsee [...] gelegenen Städtchen, geboren.“ Als Schlosser dies 1826 in seiner „Selbstbiographie“ schrieb, war er bereits ein bekannter, viel gelesener Historiker. Zu seiner dauernden Wirkungsstätte hatte er die Stadt Heidelberg erwählt, an deren Universität er 1817 berufen worden war und wo er, 1852 zum Ehrenbürger ernannt, bis zu seinem Tode mehr als 40 Jahre wohnen sollte; nur sehr gelegentlich unterbrachen noch Reisen seinen Gelehrtenalltag. Die Stätten seiner Kindheit und Jugend, Jever und Fedderwarden (heute ein Stadtteil von Wilhelmshaven), verließ Schlosser als knapp Zwanzigjähriger. Nur noch selten kehrte er danach ins Jeverland zurück, 1797/98 auf eine Hauslehrerstelle in Varel, zuletzt 1808/09 für knapp eineinhalb Jahre als Konrektor an seine alte Jeveraner Schule, das heutige Mariengymnasium. Und doch: Zahlreiche Beurteilungen stimmen darin überein, was einer von Schlossers Bewunderern so formuliert: „Er hatte die Rüstring’sche Derbheit, die er aus dem Haus in die Schule, aus der Schule durch alle Lagen des Lebens trug, nie ablegen können, nie auch, sagte er, ablegen wollen.“

 
Barbuß, Paul: F. C. Schlosser, Stahlstich (SJV)

Zeitgeschichte und Oral History vor 180 Jahren

Derbheit und sittenrichterliche Strenge: Was nach Tadel klingen könnte, machte in den Augen des damaligen Lesepublikums ein großes Verdienst Schlossers aus. Kurz nach seiner Heidelberger Berufung begann der Historiker, der zuvor mit sehr speziellen Arbeiten zu Spätantike und Mittelalter hervorgetreten war, sich der aus damaliger Sicht „jüngsten Vergangenheit“ zuzuwenden. Seine Beschäftigung mit dem in revolutionären Erschütterungen endenden 18.Jahrhundert führte über eine zweibändige Erstfassung (1823) schließlich zu einer wesentlich erweiterten, siebenbändigen „Geschichte des 18.Jahrhunderts und des 19. bis zum Sturz des französischen Kaiserreichs, mit besonderer Rücksicht auf geistige Bildung“ (1836-48), die den Autor rasch populär machte. Schlosser hatte sich über die zu seiner Zeit immer noch erregenden Revolutionsereignisse in Frankreich nicht nur durch schriftliche Quellen informiert; auf zwei Forschungsreisen nach Paris (1822/1834) hatte er auch Kontakt zu einigen der noch lebenden Protagonisten aufgenommen, so dass manche Passage seines Werkes aus authentischen Zeitzeugenberichten gespeist ist.

 
titelblatt

Werke mit Wirkung

Sowohl in diesem Werk als auch in der monumentalen „Weltgeschichte für das deutsche Volk“ (19 Bde., 1844-57) bewunderten Schlossers Zeitgenossen seine Fähigkeit, die unprätentiös dargestellten Stoffmassen einem dezidiert unabhängigen Urteil aus liberaler, dem Fortschrittsgedanken verpflichteter Sichtweise zu unterwerfen. Dass Schlosser dabei mit oftmals ebenso wuchtigem wie glänzend formuliertem Tadel an Machthabern aller Art nicht sparte, trug ihm die Zuneigung eines sich rasch vergrößernden Publikums ein. Daher wurde Schlosser, von dem heute längst kein Werk mehr verlegt wird, um die Mitte des 19.Jahrhunderts zu einem echten Erfolgsautor unter den deutschen Historikern. Seine „Geschichte des 18. und 19.Jahrhunderts“, deren Erstausgabe 1823 einem Zeitgenossen zufolge „ungeheures Aufsehen“ erregt hatte, erlebte in ihrer erweiterten Fassung fünf Auflagen (zuletzt 1879); die „Weltgeschichte“, in weiten Teilen von Schlossers Schüler Georg Ludwig Kriegk aus früheren Arbeiten und Vorlesungen des Meisters unter dessen Aufsicht erstellt, wurde sogar noch bis knapp vor den Ersten Weltkrieg in insgesamt 27 Auflagen verbreitet. Besonders diese beiden Werke erfuhren, zumindest in Teilausgaben, auch Übersetzungen ins Französische, Englische, Russische, Niederländische und Spanisch.

 
Vergoldetes Gipsmedaillon (SJV)

„Ein ächter deutscher Stubengelehrter“

Dieser Erfolg stellte sich ein, obwohl Schlosser der mächtigen Zeitströmung des Nationalismus fern blieb, für dessen Ausprägungen er auch im studentisch-universitären Leben (Burschenhaften!) keinerlei Sympathie hegte. Ebenso weist sein ihm öfters attestierter „Demokratismus“ nicht in die Richtung eines anti-monarchischen Radikalismus, sondern benennt Schlossers stets durchscheinendes Mitgefühl mit dem Volk, den kleinen Leuten als Opfer von Willkür und Herrscherübermut. Doch die Unabhängigkeit und Rücksichtslosigkeit des Urteilens, auf die der Historiker selbst immer wieder mit Stolz hinwies, machten auch vor dem Volk keineswegs halt. Folgerichtig blieb Schlosser zeitlebens politisch inaktiv, „ein ächter deutscher Stubengelehrter“, wie selbst seine Verehrer konzedierten. Zu dieser Haltung trug seine idealistisch geprägte Geschichtsauffassung bei, die ihrerseits auf einer stark religiösen, auf innere Vervollkommnung des Menschen ausgerichteten Lebensauffassung beruhte. Liegt es an diesen Widersprüchlichkeiten, dass Schlosser, obwohl er wegen seines Bekenntnisses zu „subjektiver“ Wertung oft als Gegenspieler der „objektiven“ Geschichtsschreibung aus dem Kreis des Berliner Historikers Leopold von Ranke gesehen wurde, nicht dessen bleibende Berühmtheit erlangen konnte?

 
Schlosser-Denkmal in Jever (RF)

Harte Jugend, spätes Eheglück, Nachruhm

Schlosser hatte nach schwierigen Anfängen in einem zerrütteten Elternhaus und nach einem Studium in Göttingen (Theologie, Philologie, Staatswissenschaften) lange Zeit als Hauslehrer in Varel, Hamburg, Frankfurt am Main und wieder in Jever in unsicheren oder doch unbefriedigenden Verhältnissen gelebt. Eine Auswanderung nach Russland zerschlug sich, obwohl Schlosser seinerzeit Untertan der russischen Krone war (die Herrschaft Jever war 1793 auf dem Erbwege an die Zarin Katharina II. gefallen). Durch eine Erkrankung hatte er früh sein linkes Auge verloren. Erst als Schlosser, abermals in Frankfurt (wo er insgesamt fast 14 Jahre lebte), Lehrer am dortigen Gymnasium wurde, konnte er allmählich seine Neigung zur Geschichtsforschung entfalten. Menschlich blieb er lange Zeit isoliert, sowohl aus intellektuellem Stolz als auch aus bewusster Absonderung des fast Mittellosen. Ähnlich wie Kant, dessen Rigorismus in vielen Schriften durchscheint, gab Schlosser seinem Leben durch strenge Regelmäßigkeit und gewaltige Arbeitspensa auch in ungesicherten Verhältnissen eine feste Form, so dass er sich sogar die Ablehnung einer ersten Berufung auf einen (allerdings theologischen) Lehrstuhl der Universität Heidelberg erlauben konnte. Als 50-jähriger entschloss er sich zur Ehe, die kinderlos blieb. Berühmt und viel geehrt, starb er am 23.September 1861; das Grab auf dem Heidelberger Bergfriedhof existiert noch heute. Seine Geburtsstadt Jever setzte ihm auf dem nach ihm benannten Platz in der Nähe seines Geburtshauses 1878 ein Denkmal. Im dortigen Schlossmuseum ist auch ein schmaler Bestand mit Schlosseriana archiviert – nicht bedeutungslos, wenn man bedenkt, dass der Historiker für die Vernichtung seines Nachlasses Sorge trug; seine publizierten Werke stehen natürlich in der Schlossbibliothek zur Verfügung.

Ralf Fritze

 

Weiterführende Literatur zu Friedrich Christoph Schlosser

Umfassend zur Biographie bzw. zum Werk Schlossers: - Sellier-Bauer, Ellen-Charlotte: Friedrich Christoph Schlosser. Ein deutsches Gelehrtenleben im 19.Jahrhundert, Göttingen 2004 (Diss. Osnabrück 2004).
- Gottlob, Michael: Geschichtsschreibung zwischen Aufklärung und Historismus. Johannes von Müller und Friedrich Christoph Schlosser, Frankfurt-M./... 1989 (Diss. Heidelberg 1988).

Kürzere biographische Einführungen: - Friedl, Hans: Friedrich Christoph Schlosser, in: Hans Friedl (u.a. Hg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg, Oldenburg 1992, S.639-641.
- Schönbohm, Bernhard: Bekannte und berühmte Jeverländer, Jever 1981, S.58-73.

Kurze Einführung in Schlossers bekanntestes Werk:
- Gottlob, Michael: Friedrich Christoph Schlosser (1766-1861), Weltgeschichte für das deutsche Volk, in: Volker Reinhardt (Hg.): Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997, S.574-577.