Neustadtgödens entsteht

Neustadtgödens zeichnet sich durch seine ehemalige Religionstoleranz aus. Die Existenz von fünf Gotteshäuser in einer Ortschaft wie Neustadtgödens ist einzigartig für Nordwestdeutschland. Die Voraussetzung zur Gründung Neustadtgödens wurde mit dem Abschluss eines Vergleichs im Jahr 1544 geschaffen. Darin einigten sich die Herrlichkeit Gödens und die Gräfin Anna von Ostfriesland über eine große Eindeichungsmaßnahme am Rande des “Schwarzen Bracks”. Das neu gelegte Siel wurde die Keimzelle von Neustadtgödens. Zuvor hatten schon einige Glaubensflüchtige der so genannten Täuferbewegung in Gödens Zuflucht gefunden. Zu den Bauarbeiten wurden Holländer angeworben, von denen viele ebenfalls dieser religiösen Bewegung angehörten.

Turmspitze der reformierten Kirche. Heute im Museum im Landrichterhaus (GMS)

Die Reformierten

Schon sehr früh im 16. Jh. schloss sich die Herrlichkeit Gödens der Lehre Calvins an. 1558 erließ die Herrschaft ein Edikt über das Verbot der öffentlichen Religionsausübung. Alle Bewohner der Herrlichkeit wurden formell gezwungen, den reformierten Glauben anzunehmen. Amtshandlungen wie Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen wurden gegen Gebühr in der einzigen, reformierten, Kirche in Dykhausen abgehalten. Religionsflüchtlingen gegenüber blieb Gödens jedoch weiterhin tolerant eingestellt. 1715 erhielten die Reformierten in Neustadtgödens die Erlaubnis, ihre eigene Kirche zu bauen.

 

Lutherische Kirche, erbaut 1695 (GMS)

Die Lutheraner

Mit der Zuwanderung aus dem lutherischen Jeverland, Oldenburg und später auch Ostfriesland, stellten die Lutheraner bereits Ende des 17. Jh. über die Hälfte der Bevölkerung in dem zur reformierten Kirche gehörenden Neustadtgödens. 1695 erhielten sie als erste Glaubensgemeinschaft die Genehmigung, eine eigene Kirche zu bauen. Der Kirchenbau verstieß gegen den Augsburger Religionsfrieden und war politisch ein Wagnis. Nur durch diplomatisches Geschick seitens der Herrlichkeit konnte das Eingreifen ausländischer Truppen verhindert werden.

Erste nachreformatorische katholische Kirche in Ostfriesland von 1715 (GMS)

Die Katholiken

Durch die Heirat des reformierten Grafen Franz Ico von Frydag zu Gödens mit der Katholikin Margarethe von Westerholt im Jahre 1639 wurde Gödens für zwei Generationen katholisch. Diese Verbindung stellte die kirchlichen Verhältnisse auf den Kopf und war zur Zeit des 30jährigen Krieges etwas Unerhörtes. Ihre acht Kinder wurden im katholischen Glauben erzogen. Durch die Intervention der beiden ältesten Söhne beim deutschen Kaiser entstand hier 1692 die erste katholische Missionsstelle im sonst protestantischen Norden. Mit dem Bau einer Kirche im Jahre 1715 wurde auch das erste katholische Gotteshaus in Ostfriesland nach der Reformation errichtet.

Menno Simons (1496-1561) (GMS)

Die Mennoniten

Durch die tolerante Haltung der Herrschaft Gödens fanden die Anhänger der verfolgten Täuferbewegung hier eine Zufluchtsstätte. Vor allem die holländischen Anhänger der Bewegung, die so genannten Mennoniten (nach Menno Simons), siedelten sich an. Nach dem 30jährigen Krieg stellte die Herrlichkeit Gemeinschaftsschutzbriefe aus, die eine erneute Ansiedlung von Mennoniten aus Holland, Emden und Leer zur Folge hatte. Im 17. und 18. Jh. entwickelte sich der Ort daraufhin zur größten Mennonitensiedlung Ostfrieslands. 1741 wurde ihnen der Bau einer eigenen Kirche gestattet.

Die Synagoge von 1852 (GMS)

Die Juden

Im Reich erachtete man Juden als recht- und schutzlos. Einzig der Erwerb eines Schutzbriefes sichert ihnen einige Rechte zu. Pro Person und Jahr mussten sie einen Dukaten und eine Gans als Schutzgeld an die Herrlichkeit bezahlen. Dafür durften sie sich frei bewegen, Handel treiben und ihren Gottesdienst frei abhalten. Da Ihnen die Ausübung eines Handwerkes generell untersagt war, fanden die Juden vor allem als Schlachter und Viehhändler Beschäftigung. Mitte des 19. Jh. war jeder vierte Bewohner des Ortes jüdischen Glaubens. 1852 wurde auch ihnen der Bau einer Synagoge gestattet.

Jüdischer Friedhof von Neustadtgödens (GMS)

Jüdischer Friedhof

Die erste Ansiedlung von Juden in Neustadtgödens kann um das Jahr 1640 zurückdatiert werden. Mit der Ausstellung von Schutzbriefen durch die Herrlichkeit Gödens wurden in der Folgezeit weitere Juden ermutigt, sich dort anzusiedeln. 1708 gestand ihnen der Graf Burchard Philipp von Frydag einen eigenen Friedhof zu. Dieser wurde auf dem so genannten Maanlande, zwischen Schloss Gödens und Neustadtgödens gelegen, errichtet. Nach jüdischer Tradition durften ihre Friedhöfe nur außerhalb von Ortschaften angelegt werden.

Die Bleichwiesen im Ort. Karte Mitte 17. Jh.(GMS)

Die Leinenweberei

Nach dem 30jährigen Krieg erlangte Neustadtgödens für das zerstörte Ostfriesland als Produktionsort und Umschlagplatz große Bedeutung. Mit einer geschickten Ansiedlungspolitik des Hauses Gödens wurde vor allem das wichtige Handwerk der meist mennonitischen Leinenweber heimisch. Hergestellt wurden feine Tischdecken, Servietten und Bettwäsche. Von 1660 - 1675 waren in Neustadtgödens 66 Leinenweber wohnhaft. Mit einer Webleistung von ca. drei Metern war für das notwendige Bleichen ein enormer Platzbedarf verbunden. Eigens dafür blieben einige Flächen von Baumbewuchs und Bebauung frei. Durch Handelsbeschränkungen unter den Preußen wurde das Gewerbe unrentabel, die Handwerker wanderten ab. Die Bleichen verloren ihren ursprünglichen Sinn.

Stephan Horschitz