Junge Kunst trifft auf alte Denkmäler

Die Bad Rothenfelder Gradierwerke sind ein Industriedenkmal. Das ist auf den ersten Blick nicht sofort offensichtlich, stehen sie doch in einem weitläufigen Kurpark. Ein Blick in die Historie des Sole-Heilbades erklärt es. 1724 wurde im heutigen Konzertgarten die erste Solequelle entdeckt. Das kostbare Quellwasser wurde jedoch ausschließlich für die Herstellung von Speisesalz gefördert. Über Jahrzehnte wurde die 5 % Sole sofort durch Sieden in das „Weiße Gold“ verwandelt. Dieser Prozess kostete viel Zeit und Energie. Um das Salz effizienter zu produzieren, wurde 1774 bis 1777 das Alte Gradierwerk und 1822 bis 1824 das Neue Gradierwerk erbaut. Fortan verdunstete also ein Großteil des Wassergehaltes in der Sole an den Gradierwänden, bis der Salzgehalt von 5 auf 25 Grad Sättigung optimiert wurde. Grad ist nach dem alten Sprachgebrauch ein Synonym für Prozent. Gradierwerke sind also keine Salinen, sondern nur ein Teil des Betriebs. Übrigens ist unter dem Kurpark ein Rohrleitungssystem, der die Gradierwerke und den ehemaligen Salinenbetrieb miteinander verbindet. Noch heute fließt die Sole vom Alten zum Neuen Gradierwerk durch dieses Netz.

 
Altes Gradierwerk von 1777, 112 m lang, 14 m hoch. Foto: Hans-Peter Fröbel

Bad Rothenfelde veränderte sich ab 1826 erst zögerlich vom Salzwerk zum Heilbad. Dabei wurde die Sole damals in erster Linie als Badezusatz verwendet. Das Kurwesen bekam um die Jahrhundertwende eine neue Bedeutung und 1905 wurde dem kleinen Ort der Titel „Bad“ verliehen. Die Bedeutung der beiden Gradierwerke als Freiluftinhalatorien kristallisierte sich erst Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts heraus. Danach veränderte sich das offene Gelände um die Gradierwerke nach und nach in einen gestalteten Kurpark. Der Salinenbetrieb wurde 1969 endgültig eingestellt. Das Aus für die Industrie mit dem „Weißen Gold“ ist der Wechsel zur sogenannten „weißen Industrie“, wie es im Fachjargon für Hotellerie und Kliniken heißt.

 
Daniel Crooks: „A Garden of Parallel Paths“, 2012. Foto: Franz Wamhof (4)

Seit Jahren bilden die beiden imposanten Wahrzeichen den Mittelpunkt und die Attraktion des hoch-prädikatisierten Heilbades im Osnabrücker Land. Jährlich atmen unzählige Besucher entlang der Schwarzdornwände auf. Der Aerosolnebel legt sich wie Balsam auf die Atemwege und aktiviert nebenbei den Stoffwechsel. Die Wirkung ist wie ein Spaziergang in der Meeresbrise. Das Nordsee-Feeling ist am Neuen Gradierwerk besonders stark, da der Wall an einen Deich erinnert. Und wie an der Küste gedeihen Rosen in der Nähe der salzigen Luft besonders gut. Das Ergebnis ist eine bezaubernde Blüten- und Farbenpracht im Rudi-Wernemann-Rosengarten, der zu den schönsten Rosarien in Deutschland gehört.

 

Eyal Gever: „Water Dance“, 2015. Foto: Angela von Brill (5)

An den Reisigwänden rieselt die Sole unablässig herunter. Genau genommen sind die Reisigbündel aus Schwarzdorn. Nur dieser ist vollkommen resistent gegen Sole. Feinste Eisen-, Gips- und Kalkpartikel ummanteln die unverwüstliche Rinde. Die filigranen Verästelungen des gebündelten Schwarzdorns verwandeln sich in eine bizarre Wand aus Dornenstein, die regelmäßig ausgetauscht werden muss. Der Dornenstein wird mit der Zeit zu schwer für die Trägerlattung. Alle 20 Jahre wird eine 250 qm große Partie erneuert. Für das Gerüst eines Gradierwerks ist die Fichte das beste Baumaterial, denn sie konserviert sich in Verbindung mit Sole. Ersatzteile werden nach wie vor aus Holz gefertigt. Das ist sowohl der Sole als auch dem Denkmalschutz geschuldet.

 
Das längste stützfreie Gradierwerk 412 m lang. Foto: Hans-Peter Fröbel (6)

lichtsicht – Projektions-Biennale

Außerdem stehen beide Gradierwerke alle zwei Jahre international bekannten Videoprojektionskünstlern als größte „Leinwand der Welt“ zur Verfügung. Die lichtsicht – Projektions-Biennale inszeniert über mehrere Monate allabendlich im Kurpark großartige Bild- und Hörerlebnisse. Die lichtsicht-biennale ist ein weltweit einzigartiges Forum internationaler Projektionskunst, das alle zwei Jahre von September bis Februar in Bad Rothenfelde stattfindet. Renommierte Künstler und junge Talente der Kunst mit bewegten Bildern schaffen eine der imposantesten Projektionsveranstaltungen für Video- und Lichtkunst im öffentlichen Raum. Als Projektionsflächen dienen die bis zu 11 Meter hohen Reisigwände der historischen Gradierwerke, die sich bei beidseitiger Projektion über eine Gesamtlänge von mehr als einem Kilometer im Kurpark ausdehnen. Projiziert wird ebenfalls auf Teiche, Fontänen und Gebäude im Kurpark. Mit 160.000 Besuchern je Biennale, ist die lichtsicht zu einem kulturellen Leuchtturm in Deutschland und den benachbarten Ländern geworden.

 
Random International: „Aspect (White)“, 2015. Foto: Franz Wamhof (7)

Im Mittelpunkt des überregionalen Kunstereignisses steht das Neue Gradierwerk. Von 1818 bis 1824 wurde es nach den Plänen von Carl Schloenbach, einem Berliner Architekten, erbaut. Er galt als eine Koryphäe und ein Visionär seines Fachs. Der „berühmte Salinist“, wie Schloenbach in den Geschichtsbüchern beschrieben wird, entwarf dieses einzigartige, nahezu stützenfreie Gradierwerk von über 412 m Länge. Die Lage und der künstliche Wall nutzen auch heute noch bestmöglich den Sonnenstand und die Windrichtung. Carl Schloenbach war in seinem Fach ein Visionär und ebnete mehr als 200 Jahre zuvor den Weg für eine andere Vision. Der Traum, ein internationales Kunstereignis im öffentlichen Raum zu inszenieren, wurde 2007 wahr. Ohne diese Bühne und Kulisse gäbe es keine lichtsicht-Projektions-Biennale in Bad Rothenfelde. Denn die üblichen Seitenstützen würden die Sujets der großformatigen, synchron geschalteten Projektionen zerstückeln.

 
Am Kurmittelhaus. Foto: Uwe Lewandowski

Kuren, Kliniken und Kunst

Bad Rothenfelde hat in kurzer Zeit viele Wandlungen erlebt. Vom Salzwerk zum Heilbad. Ein Kur- und Urlaubsort, der anfangs Familien aus dem Ruhrgebiet Erholung in einer waldreichen Landschaft bot. Zwischen den Weltkriegen bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es hier mehr Kinderheime als Pensionen oder Hotels. Noch in den 80-er Jahren zogen Kinder von den Kurheimen in das Kurmittelhaus zum Baden und spazierten um die Gradierwerke. Klinikpatienten, die zumeist „unfreiwillig“ in Bad Rothenfelde sind, werden während ihres Aufenthaltes von den Sorgen um ihre Gesundheit durch die Kunstpräsenz auf den Gradierwerken abgelenkt. Heute ist das Heilbad mit acht Fachkliniken weit über die Landesgrenzen für eine hohe medizinische Fachkompetenz bekannt. Professoren, Ärzte und Therapeuten mit ausgezeichneter Qualifikation begleiten Patienten in den diversen Phasen der Prävention auf dem Weg zu einer besseren Gesundheit. Mit Erfolg. Als Kurort mit einer sehr hohen Übernachtungszahl ist er gleichzeitig bei Tagesbesuchern äußerst beliebt. Aus dem näheren Umland kommen die Gäste an den Wochenenden, um hier ein paar Stunden den Alltag zu vergessen. Die Gradierwerke spielen dabei zweifellos die größte Rolle.

 
Robert Wilson: Video Portraits. Foto: Franz Wamhof und Michael Schneider (9)

Seit der lichtsicht-biennale gibt es in Bad Rothenfelde keine dunkle Jahreszeit mehr. Tages- und Urlaubsgäste entdecken eine neue, faszinierende Seite. Mehr als nur ein Hauch von Internationalität weht durch das Heilbad im beschaulichen, provinziellen Süden des Osnabrücker Landes. Sind es doch weltbekannte Künstler, die eigens für die Bad Rothenfelder Gradierwerke Kunstwerke erschaffen. Im Jahr 2015 zogen besonders Robert Wilson und William Kentridge die Medienaufmerksamkeit, Kunstkenner und Kunstliebhaber nach Bad Rothenfelde. Der Amerikaner Robert Wilson, weltberühmt durch seine überragenden Bühneninszenierungen, zeigt auf der 5. Biennale seine Video Portraits. Tableau vivants von Celebrities, Schauspielern, Künstlern und Tieren. Der mehrfache documenta-Teilnehmer und Kaiserring-Träger William Kentridge reflektiert in seiner Prozession More Sweetly Play the Dance von 2015 die gesellschaftspolitische Problematik seiner Heimat Südafrika.

 
Key Visuals: William Kentridge, „More Sweetly Play the Dance“, 2015. Foto: Franz Wamhof  (10)

Die Kunst im öffentlichen Raum frei zugänglich zu bestaunen, motiviert die Gäste zusätzlich zu kommen und zu bleiben. Allein oder in Gruppen wandeln die Besucher entlang der Gradierwerke und bewundern die großflächigen Projektionen. Die bizarren Strukturen des Schwarzdorns, die reflektierenden Salzkristalle in der fließenden Sole geben den Bildern eine intensive Leuchtkraft und tiefere Dimensionen, als Leinwände, Gebäude oder Bildschirme es vermögen. Menschen aller Altersgruppen kommunizieren miteinander über die Kunst oder experimentieren mit den interaktiven Installationen. Das außergewöhnliche Engagement der heristo ag, die lichtsicht - Projektions-Biennale zur kostenlosen Kunsterfahrung für Jedermann ins Leben gerufen zu haben und seit 10 Jahren qualitativ und künstlerisch immer weiter zu entwickeln, wurde belohnt. Am 19. November 2015 wurde der heristo ag der Deutsche Kulturförderpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e.V. in der Kategorie große Unternehmen für ihr Projekt lichtsicht – Projektions-Biennale verliehen.

Sabine Leclercq-Schulte
Kurverwaltung Bad Rothenfelde GmbH
Kur und Touristik Bad Rothenfelde GmbH

Abbildungsnachweis

(1) Key Visuals: William Kentridge, „More Sweetly Play the Dance“, 2015. Foto: Franz Wamhof
(2) Ryoji Ikeda: Projektion. Foto: Franz Wamhof
(3) Altes Gradierwerk von 1777, 112 m lang, 14 m hoch. Foto: Hans-Peter Fröbel
(4) Daniel Crooks: „A Garden of Parallel Paths“, 2012. Foto: Franz Wamhof
(5) Eyal Gever: „Water Dance“, 2015. Foto: Angela von Brill
(6) Das längste stützfreie Gradierwerk 412 m lang. Foto: Hans-Peter Fröbel
(7) Random International: „Aspect (White)“, 2015. Foto: Franz Wamhof
(8) Am Kurmittelhaus. Foto: Uwe Lewandowski
(9) Robert Wilson: Video Portraits. Foto: Franz Wamhof und Michael Schneider
(10) Key Visuals: William Kentridge, „More Sweetly Play the Dance“, 2015. Foto: Franz Wamhof