Der notwendige Optimismus des Pessimisten

Erich Maria Remarque, der am 22. Juni 1898 als Erich Paul Remark in Osnabrück geboren wurde und am 25. September 1970 in Locarno starb, gehört zu den weltweit bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts; seine Bücher wurden in mindestens 60 Sprachen übersetzt. Remarque galt und gilt als ein Vertreter des „anderen Deutschlands“, sein schriftstellerisches Engagement stand im Zeichen des aufklärerisch verstandenen Widerstandes gegen Krieg, Unterdrückung und Diktatur und für die Rechte des Einzelnen auf ein selbstbestimmtes Leben in Frieden und Freiheit. Davon wollte er seine Leserinnen und Leser in aller Welt mit seinen Büchern überzeugen im Rahmen spannungs- und handlungsreicher Romane, Theaterstücke und Drehbüchern. Remarque begründete dieses Engagement im Gespräch mit dem Kritiker Friedrich Luft 1963 wie folgt: Denn was bleibt, wenn wir nicht daran glauben, daß ein Fortschritt möglich ist, was bleibt? Es ist manchmal schwer, daran zu glauben, das gebe ich zu, aber man muß daran glauben, und man muß auch dafür arbeiten. Ich würde sogar eher auf das Künstlerische ein wenig verzichten, wenn man damit noch mehr Erfolg haben würde für den Fortschritt. Aber das sind Dinge, die man nicht weiß. Man kann einfach nur sich hinsetzen und sein kleines bißchen tun und daran arbeiten. [...] Das ist der notwendige Optimismus des Pessimisten.

 
Erich Maria Remarque (EMRF)

Ein langes Exil

Remarque entstammte einer Arbeiterfamilie und absolvierte zunächst eine Ausbildung zum Volksschullehrer in Osnabrück; 1916 Einberufung zur Armee, militärische Ausbildung in Osnabrück und Celle, ab Juni 1917 Einsatz als Schanzsoldat an der Westfront in Flandern; am 31. Juli 1917 schwere Verwundung bei Houthulst/Flandern, danach bis Kriegsende in einem Lazarett in Duisburg. 1919 wurde Remarque zunächst Volksschullehrer, dann kaufmännischer Angestellter und Journalist; ab 1921 Namensschreibung Erich Maria Remarque; ab 1922 Redakteur und Schriftsteller in Hannover und Berlin. Weltruhm 1928/29 mit dem Roman Im Westen nichts Neues, danach freier Schriftsteller. Ab 1932 Exil zunächst in der Schweiz und Frankreich, ab 1939 in den USA; 1938 Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft, 1947 US-amerikanischer Staatsbürger, 1948 Rückkehr in die Schweiz; Remarque lebte bis zu seinem Tod abwechselnd in der Schweiz, den USA und Italien.

 
Titelblatt 'Im Westen nichts Neues' (EMRF)

Im Westen nichts Neues

Im Westen nichts Neues schildert Remarque aus der Perspektive des 20-jährigen Paul Bäumer die Kriegserlebnisse einer Gruppe Soldaten an der Westfront, in der Heimat und im Lazarett. Obwohl sich die Handlung ausschließlich auf den Kriegseinsatz konzentriert, ist der Text vom Autor als Nachkriegstext intendiert, der „über eine Generation berichten [will], die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam“ (Motto): im Mittelpunkt stehen daher u.a. der Verlust der zivilisatorischen Werte und die Entmenschlichung durch den Krieg sowie die soziale Perspektivlosigkeit der Soldaten, die von der Schule direkt an der Front eingesetzt wurden. Der überragende Erfolg von Im Westen nichts Neues (innerhalb eines Jahres erreichte der Text allein in Deutschland eine Auflage von 1 Million Exemplaren), führte 1929 zu einer heftigen Diskussion um die Darstellung der „Wahrheit“ des Krieges in der Literatur, wobei das demokratische Feuilleton Im Westen nichts Neues als Antikriegs-Text vereinnahmte, während die kommunistische und die nationalistische und nationalsozialistische Kritik den Text mit zunehmendem Erfolg vehement ablehnten. Den Höhepunkt erreichte die Kontroverse während der deutschen Premiere der Verfilmung (USA 1930, Regie Lewis Milestone) am 4. Dezember 1930 in Berlin mit von Joseph Goebbels organisierten Massendemonstrationen gegen die Aufführung und schließlich dem am 11. Dezember von der Filmoberprüfstelle erlassenen Aufführungsverbot. Remarques Texte wurden 1933 verboten und verbrannt. Dennoch gilt Im Westen nichts Neues, das in mehr als 50 Sprachen übersetzt wurde und eine geschätzte Gesamtauflage von 30–40 Millionen Exemplaren erzielte, heute weltweit als einer der bedeutendsten kriegskritischen literarischen Texte zum I. Weltkrieg.

 
Erich Maria Remararque (EMRF)

Ein „Nestbeschmutzer“

Remarques Werk beschränkt sich im Bewußtsein der internationalen Öffentlichkeit auf elf Romane, beginnend mit Im Westen nichts Neues 1929 und dem plötzlichen Ruhm eines bis dahin völlig unbekannten Autors, und endend mit dem Roman Schatten im Paradies, von seiner Witwe postum 1971 veröffentlicht. Die Themen der weiteren Werke sind u.a. das europäische und amerikanische Exil in den Romanen Liebe Deinen Nächsten (1939/41), Arc de Triomphe (1945), Die Nacht von Lissabon (1961/62) und Das gelobte Land (unvollendet, Erstausgabe 1998) sowie das nationalsozialistische Deutschland im II. Weltkrieg in Der Funke Leben (1952), Zeit zu leben und Zeit zu sterben (1954), Der letzte Akt (Drehbuch, 1955) und Die letzte Station (Schauspiel, 1956). Die Biographie Remarques liegt dabei bislang weitestgehend im Dunkel, immer noch geistert die von den Nationalsozialisten lancierte Legende durch Kurzbiographien und Lexikonartikel, sein eigentlicher Geburtsname sei „Kramer“. Von einem Leben im Hollywood-Jet-Set ist die Rede, von unglücklichen Liebesbeziehungen zu Marlene Dietrich oder Greta Garbo, einem sorgenfreien Leben im Luxus, das in starkem Kontrast stehe zu den Themen seiner Romane. Und schließlich – in Deutschland – das Verdikt des „Nestbeschmutzers“, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als US-amerikanischer Staatsbürger nicht müde wurde, seine ehemaligen Landsleute zu einem kritischen Umgang mit der jüngsten, in seinen Augen barbarischen Vergangenheit aufzufordern.

 
Erich Maria Remararque (EMRF)

Ein internationaler Autor Erich Maria Remarque (EMRF) Remarques Bedeutung liegt heute in seinem internationalen Renommee als humanistischer Autor, der, jeglicher ideologischen Vereinnahmung unverdächtig, sich für die Rechte des Individuums und gegen jegliche Form der Vereinnahmung und Manipulation einsetzte. Obwohl sich seine Texte fast ausschließlich mit Deutschland und der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert beschäftigen, ist Remarques Einsatz für die Menschlichkeit an keine politischen und kulturellen Situationen gebunden er ist zeitlos. Remarque bezeichnete sich in den Zeiten seines Exils als „Weltbürger wider Willen“ – heute ist er ein Weltschriftsteller und sein Werk Teil der Weltliteratur.

Dr. Thomas F. Schneider

Nähere Informationen zum Leben und Werk E. M. Remarques und zum Archiv und zur Geschichte, Funktion, Aufgabe und zum Serviceangebot des Friedenzentrum erhalten Sie im:

Erich Maria Remarque-Friedenszentrum,
Markt 6, Postfach 44 69, 49069 Osnabrück
Tel.: 0541/969-2440
Öffnungszeiten der Ausstellung: Di-Fr 10-13 + 15-17 Uhr
Öffnungszeiten Archiv: Di+Do 9-12, Mi+Do 13.30-16.30 Uhr