„Mir liegt jeder literarisch zu deutende Bildinhalt fern. Ich möchte, daß das Bild reich genug ist, um für den Betrachter eine Nahrung sein zu können.“1

 
Sigmund Strecker, 1939 (3

Bezeichnend für sein Werk ist die Reduktion und Konzentration auf Form und Farbe; Blumen, Landschaften und Stillleben waren seine bevorzugten Sujets. Dabei ging es Sigmund Strecker nie einfach um die Wiedergabe des Gesehen, sondern immer um die Abstraktion und der Suche nach dem Wesen der Dinge, die allgemeine Gültigkeit besitzt. Seine intensive Auseinandersetzung und die ruhige farbintensive Malweise lassen Raum für diese Interpretationen. Denn: „Rhythmische Ordnung der Bildformen ist ein für alle Menschen verständliches Kunstmittel, zu verstehen von der ursprünglichen Ausdrucksform, vom Tanz her. Ich möchte, daß das ganze Bild tanzt, gravitätisch-feierlich oder wirbelnd, daß Farben und Formen einen Rhythmus über das Ganze bilden.“2

 
Stilleben ocker, um 1961 (4)

"Lieber verhungern wir, als das ich meine Mission verlasse......“

Das er mit dieser Malweise nicht in den Kunstmarkt der 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts passte, liegt nahe. Mit seiner anscheinend gegenständlichen Malerei schwimmt er gegen den Strom des Kunstmarktes, der bestimmt wurde von der abstrakten Malweise. Aber für Sigmund Strecker kam ein Andienen an die bestimmenden „Moden“ des Kunsthandels nie in Frage. Sein Sohn Ivo nannte ihn einmal einen„Eigensinnigen“. Und Sigmund Strecker sagte einmal: “Lieber verhungern wir, als das ich meine Mission verlasse...“ 3. Sein Festhalten an seiner Überzeugung, dem Verfolgen seines ganz eigenen Weges ohne Kompromisse, die tiefe Sensibilität und die Unbeugsamkeit vor gängigen „Moden“ spiegelt sich in seinem gesamten Ouevre wider.

 
Sigmund Strecker im Garten in Halle, 1967 (5)

Vorbild und Künstlerkollegen

Beeindruckt war er vor allem von Paul Ce´zanne und seiner Malweise, verglichen wird er aber mit dem russischen Künstler Nicolas de Staël und dem Italiener Giorgio Morandi. Obwohl sein Werk sich jeder kunstwissenschaftlichen Einordnung entzieht, dazu ist es zu eigenständig und zu geschlossen in sich. Für ihn gilt, wie John Ruskin es ausgedrückt hat: „Das größte Ding, das eine Menschenseele jemals in dieser Welt tut, ist, daß sie etwas sieht und auf einfache Weise sagt, was sie sah.“4

 
Pfirsiche, 1939 (6)

Geboren wurde Sigmund Strecker am 6. August 1914 in Bodenfelde an der Weser. Nur zwei Jahre später fällt sein Vater im ersten Weltkrieg, in dem Jahr wird auch seine Schwester Elisabeth geboren. Kaum 14-jährig stirbt seine Mutter und er wird früh Vollwaise. Nach seiner Schulzeit am humanistischen Gymnasium der Franckeschen Stiftungen in Halle beginnt er 1934 mit seinem Studium an der staatlichen Hochschule für Kunsterziehung in Berlin bei den Professoren Georg Tappert, Georg Schrimpf und Willi Pramann.

 
Helle Malven, um 1964 (7)

Heirat und Krieg

1937 heiratete er seine Kommilitonin Ilse Winckel. Darauf hin wird es Sigmund Strecker verboten sein Examen zu machen, da ein Großvater seiner Frau Jude ist. Ohne offizieller Erlaubnis legte er heimlich das Werklehrerexamen ab. Sein Studium setzte er an der Düsseldorfer Akademie fort, wohin er mit seiner Familie umgezogen war. Sein erster Sohn Christoph wurde geboren. Zu Kriegsbeginn 1939 zieht die Familie nach Magdeburg zu den Eltern Ilse Streckers. Sein Schwiegervater, Richard Winckel, Professor an der Magdeburger Kunstgewerbeschule, beeinflusst ihn nachhaltig, durch seine intensive detailgenaue Arbeitsweise.

 
Ivo, um 1964 (8)

Seine Zwillingssöhne Ivo und Bernhard werden 1940 geboren. Im gleichen Jahr wird er zum Kriegsdienst eingezogen. Sein Talent wird erkannt und er wird als Kartenzeichner nach Griechenland, Südrußland und an die Krim geschickt. Tief beeindruckt von den Menschen und der Landschaft der Krim über die die Deutschen „hergefallen“ sind, hält er sie in zahlreichen Zeichnungen und Aquarellen fest. Nachdem er aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen wurde, zieht die Familie zu seinem Onkel, dem Pastor Otto Strecker nach Oldendorf bei Melle. Kurze Zeit darauf fand die Familie ein Haus in Neuenkirchen bei Melle, wo er sich auch ein Atelier eingerichtet hat. Dort arbeitete er u.a. mit dem Grafiker Helmut Caesar und dem Maler Ohlbrock zusammen.

 
Werkstattbild (9)

Erfolg und Reisen

1950 zieht die Familie nach Melle, vier Jahre später wird dort die Tochter Susanne geboren. In dem Jahr erhält er den Auftrag einen vier Meter langen Wandteppich für das Osnabrücker Schloss zu entwerfen, der von seiner Frau auf dem Webstuhl umgesetzt wird. Weitere Aufträge folgen, die die finanzielle Existenzgrundlage der Familie entscheidend verbesserten. Seine Söhne bauten 1957 das Fachwerk eines ehemaligen Schafstalls in Halle als Wohnhaus und Atelier für seinen Vater um. In dem Nebengebäude fanden jährlich wechselnde Ausstellungen statt, die auf große Anerkennung stießen. Zahlreiche Reisen nach Paris und Südfrankreich, Spanien und Italien konnte er dank der besseren finanziellen Absicherung unternehmen. Die Reisen beeinflussten ihn stark und lösten eine intensive Schaffensphase aus. Die sich auch in der Vielzahl der Bilder in der von ihm neu entdeckten Spachteltechnik ausdrückte. 1960 pachtete er einen Kotten in Holterdorf in Neuenkirchen, wo er zahlreiche Landschaftsbilder malte.

 
Helenium, September 1969 (10)

Krankheit und Tod

Fünf Jahre später bricht das schwere Ischiasleiden aus, das sich früher schon bemerkbar gemacht hat und ihn für einige Zeit zur Bettlägerigkeit zwang. Die Krankheit schränkt seine künstlerische Schaffenskraft stark ein. Es entstehen „sparsame Pinselbilder“, er entdeckt in dieser Zeit aber die Arbeit mit Ton, mit dem er hauptsächlich Frauenfiguren formt. Aber die Krankheit beeinträchtigt ihn und seine Arbeit immer mehr, so dass er sich 1969 entschloss seinem Leben selbst ein Ende zu setzten. Nicht mehr malen zu können war für ihn unvorstellbar.

 
Innenansicht: Sigmund-Strecker-Museum (11)

Das "Haus der Bilder" und das Sigmund-Strecker-Museum

Seine Söhne würdigten sein Leben und Werk gleich mit zwei Museumsstandorten, die für Sigmund Strecker entscheidende Lebenstationen waren. Die Museumsinsel in Halle und das Museum - Haus der Bilder in Neuenkirchen
sowie die kulturelle Brücke über den Blauen Teuto wurden durch den Sohn Bernhard Strecker, den Architekten, geschaffen, allerdings bei großer Akzeptanz der beiden Brüder Christoph und Ivo Strecker.In Halle wurde auf der Museumsinsel ein Ort der Begegnung mit dem Maler eingerichtet, sein ehemaliges Atelier wurde für Besucher geöffnet. Und in Neuenkirchen bei Melle wurde ein altes Kötter- und Handwerkshaus zum „Haus der Bilder“ - dem Sigmund-Strecker-Museum umgebaut. Ein „Kunstwerk aus Bildern und Architektur“. Den zahlreichen Ausstellungen zu Lebzeiten folgten Ausstellungen nach seinem Tod, die das Werk des Künstlers einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren wollen.

Christina Hemken

 

 
Außenansicht: Sigmund-Strecker-Museum (12)
Innenansicht: Sigmund-Strecker-Museum (13)

Weiterführende Informationen

Sigmund-Strecker-Museum - Alte Bielefelder Straße 11 - 49326 Melle
Sigmund-Strecker-Museum - Gartenstraße 4 - 33790 Halle/Westfalen
Sigmund Strecker

Anmerkungen

(1) Sigmund Strecker. In: Radeke 1994, S. 88
(2) Sigmund Strecker. In: Radeke 1994, S. 74
(3) Sigmund Strecker. In: Ropers, 9.8.2014
(4) John Ruskin zitiert in: Radeke 1994, S. 106

Abbildungsnachweis

Die Bildrechte liegen bei dem Sigmund-Strecker-Museum

(1) Sigmund Strecker in Laboe, 1969
(2) Gelbe Früchte, 1967
(3) Sigmund Strecker, um 1939
(4) Stilleben ocker, um 1961
(5) Sigmund Strecker im Garten in Halle, 1967
(6) Pfirsiche, 1939
(7) Helle Malven, um 1964
(8) Ivo, um 1964
(9) Werkstattbild
(10) Helenium, September 1969
(11) Innenansicht: Sigmund-Strecker-Museum
(12) Außenansicht: Sigmund-Strecker-Museum
(13) Innenansicht: Sigmund-Strecker-Museum

Literatur/Quellen

Dieter Hoffmann-Axthelm: Maler Sigmund Strecker - Diese Bilder haben Zukunft. ZEIT, 25.April 2013. (http://www.zeit.de/2013/18/maler-sigmund-strecker-museum)

Anne-Christin Radeke: Sigmund Strecker. Bielefeld 1994

Christoph Franken: als Soldat auf der Krim. Ausstellung des Meller Malers Sigmund Strecker. In: NOZ, vom 21. April 2014

Petra Ropers: Nachkriegszeit: Ära des Aufbruchs Motto in Melle: Kunst gegen Kartoffeln. In: NOZ, vom 5. August 2014

Petra Ropers: Ein Maler in Melle Hier schuf Sigmund Strecker die wichtigsten Werke. IN: NOZ, vom 9. August 2014