Zwei dominierende Haustypen in der Region Weser-Ems

Leben und Wirtschaften prägen seit jeher die ländliche Architektur. Einerseits entspringen die Höfe in ihrer Anlage ökonomisch rationalen und funktionalen Aspekten, andererseits folgen sie einer traditionellen Bauweise oder entsprechen rein repräsentativen Überlegungen. In der Weser-Ems-Region haben sich über die Jahrhunderte zwei Haustypen als prägnante Zeugnisse der regionalen Baukultur erhalten. Das niederdeutsche Hallenhaus, ein Fachwerkbau, der durch seine Konstruktion besticht und ein schlichtes Massivsteingebäude mit Innengerüst in der Form des ostfriesischen Gulfhauses.

 
Hof Hoffmann im Museumsdorf Cloppenburg

Das niederdeutsche Hallenhaus

Das niederdeutsche Hallenhaus mit T-förmigen Grundriss der Diele ist eines der charakteristischsten Gebäude im norddeutschen Kulturraum. Im 19. Jahrhundert schrieb man es dem Volksstamm der Sachsen zu, weshalb sich der Begriff „Niedersachsenhaus“ bis heute erhalten hat. Seine Verbreitung reicht von Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein bis nach Mecklenburg-Vorpommern.

 
Die Münchhausenscheune im Museumsdorf Cloppenburg (MD)

Herausragendes bauliches Merkmal ist seine Holzgerüstkonstruktion. Holzreiche Regionen, wie das Artland, das Oldenburger Land und das Oldenburger Münsterland konnten es sich leisten große Mengen des teueren Baumaterials einzusetzen. Einen Höhepunkt dieser Entwicklung markieren die vorkragenden Schaugiebel mit reich verzierten Knaggen, die einzig und allein der Repräsentation dienten. Das Hallenhaus kann als Zweiständer, oder ab dem 18. Jahrhundert, als Vierständerkonstruktion ausgeführt sein. Das Gerüst bedingt die „Dreischiffigkeit“ des Gebäudes sowie die Nutzung des Dachbodens zur Erntelagerung.

 
Hofanlage-Meyer im Museumsdorf Cloppenburg (MD)

In der Mitte der Giebelseite befindet sich die Toreinfahrt für die Wagen, dahinter liegen seitlich die Pferdeställe. In den Abseiten (Zweiständerbau) oder den Seitenschiffen (Vierständerbau) ist das Vieh untergebracht. Die großräumige Diele bildet den Mittelpunkt des Gebäudes. Sie ist ein multifunktionaler Arbeits-, Lager- und Stallraum. Ursprünglich ging die Diele, ohne eine Trennwand, in das „Flett“ (Wirtschafts- und Wohnzone des Herdraumes) über. Von dort konnte der gesamte Bereich vom Bauern oder der Bäuerin eingesehen und überwacht werden. Im 19. Jahrhundert separierte die Scherwand zwischen Diele und Flett die Tiere vom Wohnbereich. Eine Modernisierungsmaßnahme, die einen großen Einschnitt in die Funktion des Hauses bedeutete und zwei getrennte Sphären schuf.

 
Das Ammerländer Bauerngehöft (VMAB)

An der Herdstelle im Flett stieg der Rauch im ganzen Haus auf und fand seinen Weg durch das Dach ins Freie. Das „Rauchhaus“ ermöglichte die Haltbarkeit der eingebrachten Ernte und der Vorräte über das Jahr hinweg. Neben dem Flett liegen die beiden „Luchten“, die Wohnnischen für den Esstisch des „ganzen Hauses“ (d.h. die Bauernfamilie mit dem Gesinde) und den Waschplatz, oft mit einem seitlichen Ausgang in den Garten. Hinter dem Flett beginnt das Kammerfach, der private Wohnbereich der bäuerlichen „Kern“-Familie – mit der Stube und weiteren Kammern. Diese beherbergen Alkoven (auch: Butzen, Durke genannt) als Schlafstätten, in denen sitzend mehrere Personen schliefen. Seit dem 16./17. Jahrhundert setzte sich die Stube als einziger rauchfreier Raum im Gebäude durch, der von einem Ofen im Nebenraum (Hinterlader) beheizt wurde. Innovativ war die Erwärmung auf ca. 20 Grad Celsius im Winter. Die offene Feuerstelle in der Diele ermöglichte nur ein Überschlagen des Gebäudes, häufig nicht mal wenige Grad über Null.

 
Hof Hoffmann im Museumsdorf Cloppenburg (MD

Das Gulfhaus

In Ostfriesland hat sich seit dem 16. Jahrhundert ein regionaler Haustyp ausgeprägt: das Gulfhaus, früher auch „Friesenhäuser“ genannt. Massive Backsteingebäude, die aus zwei unterschiedlich großen Teilen bestehen: dem „kleineren“ Wohnhaus - das Vorderende - und dem „großen“ Wirtschaftsteil – das Hinterende. Menschen und Tiere leben in konkret voneinander getrennten Bereichen, abweichend vom Gefüge des Hallenhauses. Namensgebend sind die „Gulfen“, auch als „Fach“ bezeichnet, kubische erdlastige Lagerräume für das Getreide oder Heu. Diese erstrecken sich in der Scheune zwischen den rechteckig angeordneten Ständern und reichen vom Boden bis zum First. Die größten Gulfscheunen haben eine Grundfläche von bis zu 1.000 qm bei einer Länge von 70 Metern. Vorbilder für diese neuen Wirtschaftsgebäude waren flämische Klosterscheunen des 13. und 14. Jahrhunderts. Die Ostfriesen orientierten sich traditionell am niederländischen Kulturraum und rezipierten auch die dortigen Hausformen. Die Holz- und Steinarmut der Region, erforderte Alternativen und Beschränkungen bei der Wahl der Baustoffe. Das Holz des Innengerüstes musste in der Regel aus Skandinavien importiert werden. Die Verwendung von Backstein bot sich an. Er wurde vor Ort in Meilern „wandernder Ziegeleien“ im Klosterformat hergestellt.

 
Hofanlage-Meyer im Museumsdorf Cloppenburg (MD)

Der Aufbau einer Gulfscheune folgt streng funktionalen Aspekten. Das Hinterende ist Speicher und Stall. Sofort ins Auge fällt der asymmetrische Wirtschaftsgiebel, direkt dahinter, meist unter einem Krüppelwalmdach liegt der Pferdestall. Das Einfahrtstor ist stets zur Seite gerückt, um die einfache Durchfahrt der beladenen Wagen zu ermöglichen. Ebenso charakteristisch ist das seitlich tief herunter gezogene Dach. Die Seitenschiffe der Gulfscheune bilden die Durchfahrtsdiele und den Viehstall. Im Mittelschiff der Scheune erstrecken sich die Gulfen, die eine einfachere Erntelagerung als das mühevolle Einbringen und Hochharken in den Dachboden des Hallenhauses möglich machten. Rationelles Arbeiten war eine konsequent umgesetzte Maxime.

 
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Die Sommerküche, ein Raum im Seitenschiff der Gulfscheune ist saisonal der Lebensmittelpunkt aller Hausbewohner. Dort schläft in den Butzen das Gesinde. Neben der Sommerküche liegt das „Karnhaus“ (karnen = buttern). Ein Bereich in der Scheune, in dem die Milchverarbeitung vorgenommen wurde. Das Vorderende wird durch eine Brandmauer von der Gulfscheune getrennt. Es kann in unterschiedlicher Weise an die Scheune gestellt sein, traditionell liegt es in einer Firstlinie mit der Scheune. Der Eingang befindet sich an der Traufseite.

 
Die Münchhausenscheune im Museumsdorf Cloppenburg (MD)

Das Gulfhaus war, im Gegensatz zum Hallenhaus immer rauchfrei und weist einen gemauerten Kamin mit Abzug als Herdstelle auf. In einer Ecke des Wohnhauses auf einem Kellerraum liegt die Upkammer (Aufkammer). Sie dient in der Regel als Schlafstätte mit den Alkoven. Gut erkennbar ist die Aufkammer von außen durch die, vom Rest des Gebäudes abweichende, Fenstergliederung. Die Fenster der älteren Gulfhäuser sind nach oben öffnende Schiebefenster, nach holländischem Vorbild. Der Erscheinungstyp des Vorderendes variiert je nach Region und hat sich dem Zeitgeschmack der jeweiligen Epoche angepasst, vom strengen Backsteinbau des 16./17. Jahrhunderts bis hin zu verzierten und verputzten Historismusgebäuden des 19. Jahrhunderts. Am Gefüge der großen Gulfhäuser orientieren sich ebenfalls die kleinen Landarbeiterhäuser der Region. Ein innovatives praktisches Gebäude wurde zum Vorbild, das bis heute die ländliche Architektur prägt.

Niklas Hertwig

Monumentendienst In der Trägerschaft der Stiftung Kulturschatz Bauernhof

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