Historisches

Die Vorfahren der heutigen Ostfriesen, die Friesen gehörten zu den sogenannten Nordseegermanen. D.h., sie waren ein germanischer Stamm, mit einem ungefähren Siedlungsgebiet zwischen Weser und Lauwers (NL). Ihnen fehlte allerdings eine echte staatliche Einheit. Die Vertreter der sieben friesischen Küstengaue hielten ihre Jahresversammlungen bei Aurich am „Upstalsboom“ ab. Ab Mitte der 14. Jahrhunderts war Groningen der Versammlungsort.

 
Kistenmacher, Gottlieb: Innenansicht der Ludgeri-Kirche in Norden, 1871 (OLM)

Die Sprache der Friesen war das Altfriesisch, eine germanische Sprache, die dem Altenglischen sehr nahe stand (das „Auge“ afr. #ge, ae. e´age, die „Gabe afr. jeft, ae. gift usw.). Sie hatte bis ca. 1500 Bestand und war offizielle Amtssprache, wurde aber aus dem öffentlichen Gebrauch verdrängt, nachdem Friesland (NL) seine Unabhängigkeit verloren hatte. Dort begann die Periode des Neufriesischen, während in Ostfriesland die Ostfriesische Sprache Eingang fand, die bis heute, wenn auch in modifizierter Form und leider im Schwinden begriffen, Landessprache geblieben ist, nicht aber Amtssprache.

 
Backhuysen,Ludolf: Blick von der Insel Nesserland auf Emden, 1698 (Emden, Johannes a Lasco Bibliothek, im Eigentum: Gerhard ten Doornkaat Koolman-Stiftung)

Namen

Die stark gerafft dargestellte historische Entwicklung hatte Auswirkungen auf die Personen- und Ortsnamen, die eigentlich ältesten Zeugnisse der Friesen. Die auf der Basis der altfriesischen Sprache gebildeten Namen (PN: Tiad-(h)erd < afr. thiad „Volk“ + herd „hart; mutig“ / Tiad-we < afr. thiad „Volk“ + wia „weihen“ // ON: Aurich < afr. *ãwe “Wasser” + rike “reich”; ursprünglich war das gesamte Umland gemeint mit “reich an Wasser”, = sumpfig, später bezog sich der Name auf den entstehenden Ort.), verloren mit der Sprache ihre eigentliche fundamentale Grundlage. In dieser Phase bestimmten starke Einflüsse der „benachbarten“ altsächsischen Sprache die Entwicklung der Namen. Die frühen Personennamen/Rufnamen waren auch im friesischen Raum, wie grundsätzlich bei den Germanen zweigliedrig (Red-ward / Tjadde-wig). Und sie „waren ursprünglich auch sprachlich sinnvoll, das heißt, sie hatten einen dem Sprachstand ihrer Zeit entsprechenden, allgemein verständlichen semantischen Kern“ (C.J. Hutterer: Die germanischen Sprachen, 2002, S. 122).

 
Vorhagen, Hans: Das Urteil des Salomo, 1576 (?) (OLM)

Aber schon sehr früh erschienen in halbamtlichen oder privaten Aufzeichnungen ein- oder zweistämmige Kurzformen (z.B. Adel < Adelhard / Tiada < Thiadhild; Lülf < Ludolf / Tjamde < Thiadmod). Diese Kurzformen, von denen ein nicht unwesentlicher Teil reine Kosenamen waren, beherrschten sehr schnell die ostfriesische Namenslandschaft, ja sie wurden zum „eigentlichen Symbol“ der friesisch-ostfriesischen Namenkultur. Leicht zu erkennen sind in Ostfriesland Hypokoristika (Kosenamen) mit der Endung –k, an die in den meisten Fällen noch ein a-, e- oder o-Suffix angehängt wurde: Abke, Reinke, Wobko, / Folke, Geeska, Theelke usw. oder solche mit der Endung –j und –tj, ebenfalls mit a-, e-, oder o-Suffixen: Elso, Hajo, Lütje, Nantje, Montjo / Aalje, Beeltje, Lietje, Trientja. Schwieriger zu erkennen geben sich Kosenamen, wenn sie alte, kaum noch gebräuchliche Endungen tragen, wie z.B. ein l-Suffix_ Bebel ist eine Koseform zum männlichen Namen Bernhard und Hassel eine zu Namen mit dem Stamm „hart“ und Wessel gehört zum Vollnamen Wern(h)er.

 
Suerdieck, Bernhard: Frau mit Säugling, um 1885 (OLM)

Wenn aber bei den Kurzformen Endungen erscheinen, die im heutigen Namenkatalog kaum noch zu entdecken sind, wird es besonders schwer, derartige Namen zu verstehen. Gerade da bieten die friesisch-ostfriesischen Rufnamen eine ganze Fülle von Beispielen: Frauennamen mit der Endung –rich, wie wir sie sonst von männlichen Vornamen wie Heinrich, Erich oder Theoderich kennen. Oder auch Frauennamen mit der Endung –st, -ste (Jarst, Jelst, Reinst; Jewste, Meeste, Rinste) und der Endung –er, die uns eigentlich von Männernamen wie Heiner, Günter oder Werner eher bekannt ist. In Ostfriesland ließen sich jedoch eine ganze Reihe derartiger Frauennamen finden, wie z.B. Herter, Icker, Tomker oder Tütter. Das mag fast als Kuriosum gelten, hatte aber in Ostfriesland festen Bestand (Manno Peters Tammena: Namengebung in Ostfriesland. 2009, S. 105). Es gab noch weitere andere Endungen von Kurzformen, die im übrigen deutschen Raum längst der Vergangenheit angehörten, in Ostfriesland aber zum Teil bis ins 20. Jahrhundert Bestand hatten. Auf jeden Fall ist die Fülle der Kurzformen bei den friesisch-ostfriesischen Personennamen/Rufnamen ein bedeutsames Zeichen einer alten, sich aber im ständigen Wechsel befindenden Namenkultur.

 
Backhuysen, Ludolf : Die Fähre bei Sturm, um 1682 (OLM)

Entwicklung und Niedergang

Namen befinden sich nun einmal im ständigen Wandel, einmal im Wandel der Geschichte, zum anderen im Wandel der Gesellschaft, die die Namen zwar zur Kennzeichnung des einzelnen Individuums benötig, aber auch dem persönlich familiären Wunsch entsprechend wählt. Namen unterliegen jedoch auch dem Wandel der „Moden“, die gerade bei Namen ihre tiefen Spuren hinterlassen. Namen befinden sich in einem ständigen Fließen: Namen entstehen, Namen vergehen. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Es gab historische Einschnitte, wie z.B. das in den heidnischen friesischen Raum ein- und vordringende Christentum mit seinen Bibel- und Heiligennamen. Einher ging zur selben Zeit der Verlust der altfriesischen Sprache (s.o.!).

 
Folkerts, Poppe: Fischerboote vor Norderney, 1. Hälfte 20. Jh. (OLM)

Es folgten politische Veränderungen (die preußische Zeit 1744 - 1805; die napoleonische Zeit 1806 - 1813; die Zeit im Königreich Hannover von 1815 - 1866 und die anschließende Rückkehr mit Hannover an Preußen), die ebenfalls bei den Namen starke Veränderungen bewirkten. So hatte Napoleon mit seinem „Kaiserlichen Dekret vom 18. August 1811“ den Versuch unternommen, die Ostfriesen zur Annahme von Familiennamen zu zwingen. Die Ostfriesen hielten jedoch an der traditionellen „patronymischen Namengebung“ hartnäckig fest: Wenn ein Ostfriese den Namen Tjark Wiemken trug, war es seit vielen Generationen in Ostfriesland Usus, dass sein Sohn nun Wiemke Tjarks heißen musste, d.h. der Wiemke war der Nachkomme eines Tjark. Das bedeutete, aber auch, das im besten Falle, wenn in jeder Generation ein Sohn geboren wurde, die Kombination Tjark Wiemkes – Wiemke Tjarks eben auch über Generationen Bestand hatte. Diese althergebrachte Ordnung wollte man sich nicht durch „französische Willkür“ zerstören lassen.

 
Niederlande(?): Totenbild eines Kindes, um 1700 (?) (OLM)

Aber das Ende der alten „traditionellen“ Namensgebung wurde schlussendlich durch die Einsetzung von Standesämtern am 1. Oktober 1874 und das Reichsgesetz vom 1. Januar 1876 eingeläutet. Das Personenstandswesen ging von der Kirche auf den Staat über. Von jetzt ab musste auch jeder Ostfriese einen festen Familiennamen tragen! Das hatte auch Folgen für die ostfriesische Namengebung als solche: Der Bestand an alten friesisch-ostfriesischen Vornamen verringerte sich dramatisch. Die patronymische Namengebung hatte sehr viele sehr alte Taufnamen am Leben erhalten. Da dieses „Skelett“ jetzt fehlte, ging auch das „Fleisch“ verloren, um es einmal drastisch auszudrücken. Der „Todesstoß“ wurde jedoch dem alten ostfriesischen Namenbestand durch den Zweiten Weltkrieg versetzt! Die Aufnahme vieler der unglücklichen aus ihrer Heimat vertriebenen Menschen in Ostfriesland, die ganz allmählich in ihre „neue Heimat“ integriert wurden, dort Fuß fassten, Partnerschaften eingingen und Familien gründeten, brachte plötzlich viele „deutsche“ Namen nach Ostfriesland, und diese verdrängten ungewollt beinahe den noch verbliebenen Rest der einheimischen Vornamen. Der Bestand schrumpfte auf wenige Namen zusammen, die sich an zwei Händen abzählen ließen! – Traurig!

 
Uttecht, Meinhard: Weites Land, um 1960 (OLM)

Vielleicht werden meine zwei Bücher, die ich herausgebracht habe, doch wenigstens bewirken, das eine uralte Namenkultur nicht den endgültigen Tod erleidet, sondern am Leben gehalten wird, wie wir Ostfriesen es uns auch von unserer Sprache, dem „Ostfriesischen Platt“ wünschen.

 

Manno Peters Tammena

 

Manno Peters Tammena: „Ostfriesische Vornamen – Von Aafke bis Zwaantje. SKN-Verlag Norden, 2005, 2. Auflage 2006

Manno Peters Tammena: Namengebung in Ostfriesland – Personenamen – Patronymische Namen – Ursprung, Entwicklung, Niedergang. SKN Verlag Norden 2009