„Seine Statur hält die Mitte zwischen hochgewachsen und klein. Er war untersetzt und stramm und eher rundlich als schlank oder mager. Sein dichtes, immer gut geschnittenes Haar bedeckte sein ehrwürdiges Haupt. Sein Antlitz war in den letzten Jahren etwas blaß, aber dennoch von einer freundlichen Röte überzogen; seine Stirn war breit und hoch, seine Augen, Spiegel seiner Seele, waren blaugrau, lebhaft und mit scharfem Blick, je nach Anlaß grimmig oder freundlich. Kurzum, sein ganzes Gesicht verriet Ernst, gemildert durch große Freundlichkeit. Wenn er lehrte, wußte er wie niemand sonst allein schon durch den strengen Ernst seines Gesichts die seinen Unterricht Anvertrauten zu ihrer Pflicht anzuhalten…“
So wurde Ubbo Emmius in dem ersten, 1654 veröffentlichen, Gedenkbuch der Universität Groningen charakterisiert.1

 
Gedenktafel in Greetsiel (CH)

Bereits zu Lebzeiten gelangte der Gelehrte Ubbo Emmius zu Berühmtheit. Der Historiker, Theologe, Pädagoge und Gründungsrektor der Universität Groningen erwarb sich den Ruf eines entschiedenen und streitbaren Kämpfers für den Calvinismus und die „Friesische Freiheit“. Daneben war er ein bedeutender Historiker, Topograf und Kartograf wobei vor allem seine „Landesbeschreibung“ und die 1595 entstandene Karte „Typus Frisiae Orientalis“, die 200 Jahre Gültigkeit besaß und unzählige Male kopiert worden ist, eine breite Öffentlichkeit erreichten.

 
Geburtshaus in Greetsiel (CH)

Kindheit und Jugend

Geboren wurde er am 5. Dezember 1547 in Greetsiel als Sohn des lutherischen Pastors Emme Dyken und seiner Frau Elke, geb. Tjarda. Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. 1555 besucht er die Lateinschule in Emden, weitere Stationen seiner Schulzeit sind das Gymnasium in Bremen, das in dem ehemaligen Katharinenkloster unter Leitung des hervorragenden Philologen Johannes Molanus eingerichtet worden ist. Anschließend besuchte er für zwei Jahre die Lateinschule in Norden, der Rektor war zu der Zeit der niederländische Glaubensflüchtling und Kartograph Johannes Florianus und als Konrektor war Nicolaus Sascherus angestellt. Wahrscheinlich kam er dort intensiv mit dem Calvinismus in Berührung, der seinen weiteren Lebensweg entscheidend prägte sollte.

 
Willem Lodewijk: Ubbo Emmius, 1621

1570 begann er sein Studium der Theologie an der Universität Rostock, um sich zum lutherischen Geistlichen ausbilden zu lassen. Besonders beeinflusst wurde er durch die Vorlesungen des Theologen und Historikers David Chythraeus sowie des Historikers und Professors für Medizin Brucaeus. Drei Jahre später musste Emmius aus familiären Gründen Rostock verlassen und nach Greetsiel zurückkehren. Sein Studium konnte er erst 1576 an der Universität Genf wieder aufnehmen. Vorlesungen des Calvin Nachfolgers Theodor Beza hinterließen einen tiefen Einfluss auf ihn, so dass er endgültig zum calvinistisch-reformierten Glauben übertrat.

 
titelblatt_gross

Studienzeit in Genf

Seine Studienzeit in Genf bestimmte aber nicht nur seine religiöse Überzeugung, sondern prägte auch seine polische Haltung entscheidend. Seiner Überzeugung nach ist nur derjenige zur Souveränität befugt, dessen Ansprüche sich aus Verträgen oder dem historischen Recht ableiten lassen, was seiner Meinung nach nicht für die Alleinherrschaft der Cirksena gilt, deren Herrschaftsansprüche durch keinerlei Verträge abgesichert sind. So stellte er seine wissenschaftlichen Arbeiten in den Dienst der „Friesischen Freiheit“, wie etwa in seinem 60 bändigen Hauptwerk „Rerum Frisicarum Historia“ die Geschichte des friesischen Volkes von 450 n. Chr. bis 1564. Der gräfliche Kanzler Brenneysen hielt seine Schriften für außerordentlich gefährlich, so dass er sein Buch „Historia nostri temporis“ bei Erscheinen als politische Hetzschrift brandmarkte und noch 1733 auf dem Auricher Marktplatz verbrennen ließ.

 
Anonym: Portrait, 1588 (6)

Zurück in Ostfriesland entschied er sich gegen den Priesterberuf. Stattdessen wurde er 1579 Rektor der Lateinschule in Norden, wo ihm trotz äußerst erfolgreicher Arbeit 1587 mit der Begründung „unorthodoxe nicht lutherische Ansichten“ vermittelt zu haben, gekündigt wurde. Anzunehmen ist, dass er Opfer der damaligen Religionsstreitigkeiten der ostfriesischen Grafenfamilie und den calvinistischen Ständevertretern wurde. 1588 trat er die Rektorstelle der Leeraner Lateinschule an. Wahrscheinlich auf Vermittlung heimkehrender Glaubensflüchtlinge, die Emmius in Leer kennen und schätzen gelernt hatten, bekam er 1594 das Angebot die Martinsschule in Groningen als Rektor zu leiten. 1614 wurde er der erste Rector Magnificus der neu gegründeten Universität Groningen und Professor für Geschichte und griechische Literatur.

 
Ostfrieslandkarte von Ubbo Emmius (7)

Emmius als Historiker, Topograf und Kartograf

Als Historiker fühlte sich Emmius einem genauen Quellenstudium verpflichtet. Urkunden, Archivalien etc. unterzog er einer exakten Prüfung hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und zog sie für seine wissenschaftliche Arbeit erst in Betracht nachdem er von der Richtigkeit überzeugt war und sie seiner Meinung nach in den vorhandenen historischen Kontext passten. Neben seinen historischen Werken verfasste er zudem zwei Werke über Chronologie und eines zur Genealogie. Darüber hinaus erwarb er sich einen Ruf als hervorragender Topograf und Kartograf. „Emmius hatte den Ehrgeiz, eine genauere Karte seiner Heimat herzustellen, ‚als man das bisher tat’. Das war ein hoher Anspruch, den kein Geringerer als der Astronom David Fabricius hatte 1589 seine erste Karte von Ostfriesland bereits veröffentlicht“2.

 
Anonym: Margaretha van Bergen, 1627 (8)

Privates Glück

Zweimal war Emmius verheiratet. Seine erste Ehe schloss er 1581 mit Theda Tjabbern aus Norden, mit der er einen Sohn hatte. Seine zweite Frau Margaretha van Bergen heiratete er 1586. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne und eine Tochter. Von den Kindern überlebten ihn lediglich ein Söhne und seine Tochter. Sein Sohn übernahm ein Predigeramt in Groningen. Ubbo Emmius verstarb hochbetagt am 9. Dezember 1625 in Groningen.

Christina Hemken

 

(1.) Kuppers, W. J.; Ekkart, Rudolf E. O. 1994, S. 91
(2.) H. Schumacher: Ubbo Emmius; Trigonometer, Topograph und Kartograph, S. 156. In: W.J. Kuppers 1994
(3) In: Kuppers, W. J.; Ekkart, Rudolf E. O. 1994, S. 99
(4) In: Kuppers, W. J.; Ekkart, Rudolf E. O. 1994, S. 71
(5) In: Kuppers, Groningen/Emden 1994, S 54
(6) In: Kuppers, Groningen/Emden 1994, S 98
(7) Lengen, Monika van, Aurich 1994, S. 6/7
(8) In: Kuppers, Groningen/Emden 1994, S 16

Emmius, Ubbo; Reeken, Erich von [Ubers.]: Der Reisebericht des Ubbo Emmius / ins Dt. übers. von Erich von Reeken. - 2. Aufl. – Groningen. 1983
Feenstra, Hidde: Emmius, Ubbo. In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland.
W.J. Kuppers (Hg.): Ubbo Emmius. Een Oostfries geleerde in Groningen / Ubbo Emmius. Ein ostfriesischer Gelehrte in Groningen. Groningen/Emden 1994
Kuppers, W. J.; Ekkart, Rudolf E. O.; Tentoonstelling Ubbo Emmius en Zijn Tijd, Groningen en Oost-Friesland rond 1600 = Ubbo Emmius und seine Zeit / W. J. Kuppers. Groningen/Emden 1994
Lengen, Monika van; Ostfriesland-Stiftung: Auf den Spuren des Ubbo Emmius : ein Reisebegleiter durch die Kulturlandschaft Ost-Friesland per Auto, mit dem Fahrrad und zu Fuß. Aurich 1994.