„Thit send tha urkera allera Fresena. Theth forme, theth hia gaderkome enes a iera to Upstelesbame a tyesdey anda there pinxtera wika and ma ther eratta alle tha riucht, ther Fresa halda skolde. Jef aeng mon eng bethera wiste, theth ma the lichtere lette and ma theth bethere helde."

"Dies sind die Überküren aller Friesen. Erstens, dass sie einmal im Jahre am Dienstag in der Pfingstwoche zu Upstalsbom zusammenkämen und dass man dort alle Rechte bespräche, die die Friesen halten sollten. Wenn irgend jemand ein besseres (Recht) wüsste, sollte man das weniger richtige aufgeben und das bessere befolgen. (Das Emsiger Recht, um 1300)“.

 
Der Upstalsboom heute (Abb.1)

Die Bedeutung des Namens „Upstalsboom“ ist nicht sicher und seit wann das Gelände so heißt, ist nicht bekannt. Die erste Erwähnung findet der Upstalsboom in der „Chronik des Kloster Bloemhof“ aus dem Jahre 1216. „Boom“ meint den bearbeiteten Baum, wie z.B. bei Schlagbaum und Maibaum. Mit „Upstal“ wurde ein eingezäuntes Flurstück in der Allmende, dem gemeinsamen Weidegebiet der Dorfgemeinschaft, bezeichnet. Hier konnte so ein Boom als Pfahl stehen, an den die Bauern ihr Vieh anbanden. Die Richter trafen sich also auf einem von weitem sichtbaren Hügel in der Nähe des Pfahls, der inmitten eines Viehpferches stand – so prosaisch können Deutungen „geheimnisvoller“ Namen sein!

 
Der Upstalsboom, Anno 1368, Radierung 19. Jh. (Abb. 2)

Die Redjeven regelten nicht nur das Zusammenleben innerhalb ihrer Landesgemeinde, sondern vertraten sie auch politisch nach außen. Aus ihren Reihen kamen auch diejenigen Vertreter, die bei Zwistigkeiten untereinander – und die waren zahlreich! – oder „wenn irgend ein geistlicher oder weltlicher Fürst uns Friesen insgesamt oder einen von uns angreift, um uns in das Joch der Knechtschaft zu zwingen“ gemeinsam in Aktion traten. Bei so einem Angriff werden alle zusammen zur Waffe greifen, um die Freiheit zu verteidigen – so steht es in einer Rechtshandschrift aus dem 14. Jahrhundert.

 
Siegel des Upstalsboombundes von 1338 (Abb.3)

Von 1216 bis 1231 und von 1323 bis 1327 fanden die ersten urkundlich nachgewiesenen Treffen am Upstalsboom statt. Die Landesgemeinden hatten sich im 12. Jahrhundert zu den „Sieben Seelanden“ zusammengeschlossen, wobei die heilige Zahl 7 die Einheit in der Vielfalt Frieslands heraufbeschwören sollte. Der Bund bildete eine Art „Friesische UNO“ des Mittelalters. Um Recht zu sprechen und Frieden zu stiften, trafen sich die Abgesandten der Sieben Seelande am Dienstag nach Pfingsten am Upstalsboom bei Aurich. Wie hat man sich das Gelände vorzustellen, auf dem die Abgesandten der Länder zwischen der Zuiderzee und der Weser zusammenkamen? Etwa drei Kilometer südwestlich vom Stadtkern Aurichs entfernt, gibt es auf der Geest bei Rahe eine durch die letzte Eiszeit aufgestaute Höhe. In der Nähe fließt das bei Emden in die Ems mündende Flüsschen Ehe vorbei. Auf dem höchsten Punkt der Erhebung liegt ein künstlich aufgeschütteter Hügel. Grabungen haben ergeben, dass das Gelände seit dem 8. Jahrhundert bewirtschaftet war und dass es sich bei dem Hügel um einen Grabhügel handelt. Die Funde werden heute im Historischen Museum in Aurich aufbewahrt. Die Stätte ist von einer Wallheckenlandschaft umgeben.

 
Ostfrieslandkarte von Ubbo Emmius (Abb.5)

Um zum Upstalsboom zu gelangen, konnte man von Emden aus mit dem Boot die Ehe hinauffahren oder aus anderen Himmelsrichtungen zu Pferd über Land reiten. Wie die Versammlungen am Upstalsboom abliefen, ist leider nicht bekannt. Vielleicht haben die Abgesandten der Landesgemeinden in einem zum Gelände gehörenden Hof übernachtet oder Zelte aufgeschlagen. Jedenfalls waren sie an dieser natürlich erhöhten Stelle einigermaßen vor dem feuchten Untergrund geschützt. Allzu gemütlich wird es wohl dennoch nicht gewesen sein, schließlich kann es zu Pfingsten hier im Norden noch recht frisch sein und mit Regengüssen musste man auch rechnen. Die Zusammenkünfte der Richter fanden wohl unter freiem Himmel statt.

 
Modell einer Snabbe (Binnengewässerschiff) (Abb.4)

Die letzte Erwähnung einer Zusammenkunft der Gesandten der Sieben Seelande ist auf das Jahr 1327 datiert. Die nächste Zusammenkunft wurde in Groningen abgehalten. Im Zeitalter des Absolutismus erwachte der friesische Freiheitswille erneut, und der Upstalsboom erlangte neue Symbolkraft. Kaiser Leopold I. verlieh 1678 das Upstalsboom-Wappen als Hoheitszeichen. 1833 wurde von der Ostfriesischen Landschaft eine Steinpyramide auf diesem Platz errichtet, um an die Versammlungsstätte der Friesen zu erinnern. Ein Upstalsboom-Taler wurde von Georg V. von Hannover 1865 geprägt. Pläne auf dem Gelände eine Thingstätte einzurichten, stammen aus der Zeit des Nationalsozialismus, sie sollte an die Zeit erinnern, in der der Platz als „Beratungsplatz und Versammlungsort der friesischen Geschworenen und Deputierten aus allen Gauen von Fly bis zur Weser“ diente. Diese Bitte wurde zurückhaltend behandelt, jedoch wurde das Gelände für Aufmärsche und Versammlungen zur Verfügung gestellt.

Ostfriesische Landschaft
Georgswall 1-5
26603 Aurich

 

Weiterführende Literatur:

Hajo van Lengen (Hrsg.): Die Friesische Freiheit des Mittelalters – Leben und Legende, Verlag Ostfriesische Landschaft, 2003
Ernst Andreas Friedrich: Wenn Steine reden könnten. Hannover, 1989 Pieter Gerbenzon: Apparaat voor de studie van Oudfries recht. Bewerkt door Barendina S. Hempenius-van Dijk. 2 Bände. 1981 Gerhard Köbler: Lexikon der europäischen Rechtsgeschichte. München, 1997
Karl von Richthofen: Friesische Rechtsquellen. Reprint d. Ausgabe Berlin 1840 Karl Otto Johannes Theresius von Richthofen. Aalen: Scientia Verlag 1960.


Abbildungsverzeichnis:
(1) Ostfriesland-Stiftung der Ostfriesischen Landschaft: Eala Frya Fresena, 2003, S. 14-15
(2) Ostfriesland-Stiftung der Ostfriesischen Landschaft: Eala Frya Fresena, 2003, S. 12
(3) Ostfriesland-Stiftung der Ostfriesischen Landschaft: Eala Frya Fresena, 2003, S. 18
(4) Ostfriesland-Stiftung der Ostfriesischen Landschaft: Eala Frya Fresena, 2003, S. 12/13
(5) Lengen, Monika van; Ostfriesland-Stiftung: Auf den Spuren des Ubbo Emmius : ein Reisebegleiter durch die Kulturlandschaft Ost-Friesland per Auto, mit dem Fahrrad und zu Fuß. Aurich 1994, S. 6/7