In den küstennahen Gebieten Deutschlands, aber auch der Niederlande und Dänemarks, findet seit jeher eine intensive Viehzucht statt. Besonders hervorgetan haben sich hier neben den holsteinischen Gebieten auch die Regionen Friesland und Ostfriesland, in denen schon seit vielen Jahrhunderten mit großem Erfolg schwarzbunte Rinder - landläufig auch einfach "Schwarzbunte" genannt - gezüchtet werden. Schon früh wurde die Qualität der friesischen Rinderzucht auch in anderen Teilen der Welt erkannt und sehr geschätzt, so daß heute von einem weltweiten Siegeszug der schwarzbunten Rinder gesprochen werden kann und sie somit zu einem charakteristischen Element nicht nur unserer heimischen Küstenlandschaft geworden sind.

 
Anzeige der Gebrüder Bayer Molkerei-Maschinenfabrik in Augsburg...(3)

Ursprung

Ihren Ursprung hat die in den Küstengebieten schon früh deutlich intensiver als anderswo durchgeführte Züchtung leistungsfähiger Rinder in den häufigen Meerseinbrüchen, die in früherer Zeit auf der einen Seite einen ausgeprägten Ackerbau nur bedingt zuließen, auf der anderen Seite aber für fruchtbares Grünland und somit für eine gute Ausgangsbasis einer erfolgreichen Rinderzucht sorgten. Dabei bildete sich die heute vorherrschende schwarz-weiße Farbkombination erst in den vergangenen 200 Jahren als Qualitätsmerkmal heraus; bis dahin war die Farbvielfalt deutlich größer und es wurde unter anderem auch mit rötlichen, braunen oder braun-weißen Rindern gezüchtet. Das vorrangige Zuchtziel war dabei immer in erster Linie eine hohe Milchleistung, da Butter und Käse wichtige Exportartikel der nordwestlichen Küstengebiete darstellten, die sogar bis nach Frankreich und Wien gelangten. Im Laufe der Jahrhunderte kam es durch Seuchen und Sturmfluten wie der sogenannten Weihnachtsflut im Jahr 1717 jedoch auch immer wieder zu großen Rückschlägen.

 
Deutsche Schwarzbunte-Kuh. Milchbetonter Zweinutzungstyp... (4)

Fortschritte

Insbesondere im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts erhielt die Zucht entscheidende Impulse, die zu einem schnellen Anstieg der Milchleistungen führten. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden regelmäßig nationale wie internationale Schauen veranstaltet, auf denen Zuchterfolge verglichen und prämiert wurden. Ebenfalls etablierten sich in Weener, Jever, Aurich und Leer feste Marktplätze für Rinder. Leer ist bis zum heutigen Tag eine wichtige Adressen für Viehauktionen. Beides hat sicherlich zu einer erheblichen Steigerung der Zuchtbemühungen geführt. Ein weiterer wichtiger Schritt für die Optimierung der Züchtung war auch die Gründung von Herdbüchern, in die alle mit gewissen Qualitätsmerkmalen ausgestattenen Rinder eingetragen wurden und somit eine bessere Übersichtlichkeit über den Gesamtbestand hergestellt wurde. Ein Herdbuch wird beispielsweise vom im Jahre 1878 gegründeten „Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter“ geführt. Dieser spielt bis zum heutigen Tag die dominierende Rolle in der friesischen Rinderzucht.

 
Zwei Milchmädchen bei Elskop, Kreis Steinburg. Foto um 1920 (5)

Export

Wie bereits angedeutet, fanden die in Friesland und Ostfriesland gezüchteten Rinder auch in anderen Teilen der Welt Anklang. So wurden bereits im 17. Jahrhundert schwarzbunte Kühe von Auswanderern mit in die Vereinigten Staaten genommen, um während der Reise und in der neuen Heimat zur Versorgung mit Milchprodukten beizutragen. Diese standen dort bald in dem Ruf, bei guter Leistungserbringung gleichzeitig relativ anspruchslos bei der Futterversorgung und auch bezüglich der klimatischen Bedingungen zu sein. So entwickelten sich die schwarzbunten Rinder im Zuge der Massenauswanderung im 19. Jahrhundert dort dann regelrecht zu einem begehrten Importgut. Dies wiederum beförderte in den heimischen Gebieten nochmals die Zucht und die Einführung von Herdbüchern, da hiermit ein gewisser Qualitätstandard garantiert war und höhere Preise erzielt werden konnten. Der Export von Tieren nach Amerika ließ Anfang des 20. Jahrhunderts jedoch sehr stark nach, da sich dort im Folgenden eine eigene Zucht entwickelte. Wenn Nordamerika auch das Hauptexportgebiet bildete, so waren die friesischen Schwarzbunten auch anderswo beliebt, beispielsweise bildete Osteuropa einen weiteren wichtigen Absatzmarkt.

 
Schlepper mit Weidemelkwagen, um 1955 (6)

Heutige und zukünftige Bedeutung

Heutzutage besitzen die schwarzbunten Rinder eine nahezu weltweite Verbreitung und eine Vorrangstellung vor allen anderen Rinderrassen. So gehen Schätzungen davon aus, dass ca. 20-30% aller weltweit gehaltenen Milchkühe inzwischen zu dieser Rasse gehören. In Ländern wie den USA und Kanada beträgt dieser Anteil sogar über 90%. Auch in Deutschland - neben den Niederlanden ja ihr Ursprungsland - haben die Schwarzbunten selbstverständlich eine weite Verbreitung. Diese reicht sogar bis in die Alpenregionen, da die Rasse recht höhenverträglich ist. Wenngleich durch die Zucht der vergangenen Jahrhunderte auch heute schon von Hochleistungsrindern gesprochen werden muss, so schreitet diese natürlich immer weiter voran. Heute sind die Rinderbestände von 250.000 Betrieben weltweit in Herdbüchern verzeichnet. Aufgrund der vielen Vorteile dieser Rasse ist es zu erwarten, dass sich der Anteil der Schwarzbunten weiter erhöhen wird. Dies ist insofern auch kritisch zu sehen, als damit unter Umständen eine Verdrängung anderer Rinderrassen einhergeht. Abschliessend bleibt jedoch zu sagen, dass die heimische Rinderzucht in vielen Teilen der Welt sicher zu einem bemerkenswerten Bekanntheitsgrad Frieslands und Ostfrieslands beigetragen hat, was sich deutlich auch in der weltweit gängigen Bezeichnung der Rasse - „Holstein-Friesians“ – widerspiegelt.

Marius Halpaap

 
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Literatur

Lankamp, Habbo: Hundert Jahre Stammviehzucht zwischen Dollart und Jadebusen, 1878-1978. Herausgeber: Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter, Leer 1978.
Grothe, Paul: Holstein-Friesian. Eine Rasse geht um die Welt, Münster 1993.

 

Abbildungsverzeichnis:

(1)Snuif No. 864. Ostfriesische Kuh (Landwirtschaftliches Tieralbum 1899, 4). In: Arbeit und Leben auf dem Lande. Cloppenburg 1996, Bd. 4., III
(2)Aseptische Milchgewinnung auf dem Rittergut Nieder-Ludwigsdorf (Friedel/Keller 1914, 73. In: Arbeit und Leben auf dem Lande. Cloppenburg 1996, Bd. 4., S. 34.
(3)Anzeige der Gebrüder Bayer Molkerei-Maschinenfabrik in Augsburg mit der "Grundausstattung" einer Molkerei für die Butter- und Käsefabrikation (Kirchner 1907, Anzeigenteil. In: Arbeit und Leben auf dem Lande. Cloppenburg 1996, Bd. 4., S. 193.
(4)Deutsche Schwarzbunte-Kuh. Milchbetonter Zweinutzungstyp... Kreuzhöhe 145 cm; Gewicht 750 kg (AID-Begleitheft zur Diaserie 7162. In: Arbeit und Leben auf dem Lande. Cloppenburg 1996, Bd. 4., I.
(5)Zwei Milchmädchen bei Elskop, Kreis Steinburg. Foto um 1920. In: Arbeit und Leben auf dem Lande. Cloppenburg 1996, Bd. 4., S. 173.
(6)Schlepper mit Weidemelkwagen, um 1955 (Deutsches Landwirtschaftsmuseum). In: Arbeit und Leben auf dem Lande. Cloppenburg 1996, Bd. 4., VIII.
(7)"Satzung der Oldenburgischen Wesermarsch-Herdbuch-Gesellschaft e.V." Nordenham, o. J.