Der „Nationalpark „Niedersächsisches Wattenmeer“ ist seit 2009 Teil des von der UNESCO anerkanntem Deutsch-Niederländischen Weltnaturerbe Wattenmeer. Damit zählt diese faszinierende Landschaft wie das Great Barrier Reef in Australien und der Grand Canyon in den USA zu den schützendswertesten Landschaften der Erde.

 
Wattenmeer (CH)

Eine einzigartige dynamische Naturlandschaft

Keine andere Landschaft der Erde entwickelte unter dem Einfluss von Ebbe und Flut so unterschiedliche Landschaftstypen, die sich im Rhythmus der Gezeiten täglich neu formen. Dabei ist das Wattenmeer eine geologisch gesehen „junge Landschaft“, deren Entwicklung etwa in der letzten Eiszeit vor ca. 10000 Jahren einsetzte1. Das Wattenmeer der Nordsee ist ca. 900000 Hektar groß. Dabei umfasst der Nationalpark „Niedersächsisches Wattenmeer“ eine Fläche von 345.000 Hektar, die sich auf das Küstengebiet vom Dollart bis zur Elbmündung erstrecken. Damit ist er der zweitgrößte Nationalpark Deutschlands2.

 
Wattenmeer (KADIE)

Ebbe und Flut

Die Gezeiten werden durch einen regelmäßigen Wechsel von Ebbe und Flut bestimmt. Sechs Stunden läuft das Wasser bis zu seinem Höchststand, dem Hochwasser auf, um nach einer kurzen Ruhephase wieder abzulaufen, bis zum niedrigsten Stand dem Niedrigwasser. Für diesen weltweiten Wechsel von Ebbe und Flut sind die Anziehungskraft des Mondes und die Fliehkraft auf der mondabgewandten Seite der Erde verantwortlich. Alle Küstengebiete der Ozeane und der begrenzten Meere unterliegen dem Rhythmus der Gezeiten und sind in 24 Stunden und 50 Minuten jeweils zweimal täglich Ebbe und Flut unterworfen. Die tägliche Verschiebung um 50 Minuten ist bedingt durch die Mond-Umlaufzeit. Wobei der Höhenunterschied des Meeresspiegels nicht überall gleich ist. An der deutschen Nordseeküste liegt er zwischen zwei bis drei Meter, während er an der kanadischen Bay of Funday bis zu 15 Meter beträgt.

 
Dünenlandschaft (CH)

Lebensräume des Wattenmeeres: Watt, Salzwiesen und Dünen

Als Watt bezeichnet man die Flächen, die bei Ebbe trocken fallen und bei Hochwasser überflutet werden. Sie werden durchzogen von einem weit verzweigten Netz aus wasserführenden Rinnen, den Prielen, bzw. Seegatt. Das Watt machen etwa zwei Drittel der Wattenmeer-Fläche aus. „Der Begriff ‚Watt’ entstammt dem altfriesischen Wort ‚wad’ = seicht, untief; er steht auch für Gebiete, in denen man waten kann.“3. Die Salzwiesen sind die Zwischenzone zwischen Meer und Land. Sie werden im Gegensatz zum Watt nur unregelmäßig überflutet. Das Ökosystem Salzwiese erfordert aufgrund des unterschiedlichen Nährstoff- und Salzgehaltes eine speziell angepasste Tier- und Pflanzenwelt. Dünenlandschaften entstehen vor allem auf den vorgelagerten Inseln durch angewehten Sand, der von tiefwurzelnden Pflanzen, vor allem des Strandhafers, zurückgehalten wird. Dünen spielen beim Küstenschutz eine herausragende Bedeutung, weil sie als natürliche Wellenbrecher dienen und die Inseln vor Landverlust schützen.

 
Seehunde (KADIE)

Tier- und Pflanzenwelt im Wattenmeer

Das Ökosystem Watt gehört zu empfindlichsten und anfälligsten Naturlandschaften der Erde, die Flora und Fauna muss sich an die extremen Lebensbedingungen anpassen. Die unterschiedlichen Lebensräume Watt, Salzwiese, Strand und Düne werden dabei teilweise von unterschiedlichen standortspezifischen Tieren und Pflanzen bewohnt, die nur dort vorkommen. Rund 10.000 Arten von einzelligen Organismen, Pilzen, Pflanzen und Tieren wie Würmer, Muscheln, Fische, Vögel und Säugetiere leben hier. Jedes Jahr legen rund 10 bis 12 Millionen Vögel auf der Durchreise im Wattenmeer eine Rast ein“ (Willkommen im Weltnaturerbe Wattenmeer). „Eine aktuelle Bestandserfassung der Flora und Fauna der Ostfriesischen Inseln ... hat ergeben, dass allein dort 1.500 Pflanzen- und über 8.000 Tierarten, und damit ein Viertel der deutschen Flora und ein Fünftel der deutschen Fauna vorkommen. Die Bedeutung dieser erstaunlichen biologischen Vielfalt wird umso eindrucksvoller, wenn man bedenkt, dass die Gesamtfläche der Inseln mit lediglich etwas mehr als 100 Quadratkilometern nur 0,03 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands ausmacht. Man kann daher durchaus von einem "hot spot" der Biodiversität in Deutschland, wahrscheinlich sogar in Nordeuropa, sprechen4.

 
Dünenlandschaft (CH)

Pflanzenwelt des Naturparks Wattenmeer

Vor allem Algen, und hier hauptsächlich Grünalgen und Seegras sind die Pflanzen des Ökosystem Watt. Typische Pflanzen der Salzwiesen sind salztolerante Arten wie Queller, Schlickgras, Andelgras, Strandflieder, Strandwermut, Strandgrasnelke etc. Der Lebensraum Dünenlandschaft wird geprägt von Pflanzen wie dem Strandhafer, der Strandquecke und dem Strandroggen, die eine wichtige Funktion für den Küstenschutz erfüllen. Daneben kommen aber auch die Stranddistel, das Silbergras der Sanddorn, die Krähenbeere etc. vor5.

 
Seeigel (CH)

Tierwelt des Naturparks Wattenmeer

Sicherlich assoziieren die meisten Menschen mit der Tierwelt des Wattenmeeres in erster Linie den Seehund. Aber vor allem wirbellose Tiere wie Würmer, Muscheln, Schnecken, Krebse und Quallen spielen für das Ökosystem Watt eine entscheidende Rolle. Wobei der Wattwurm mit seinen aufgeworfenen Sandhaufen der bekannteste. Bei der Spezies der Muscheln sind es die Herzmuschel und die Miesmuschel, die mit ihrer Filterleistung von bis zu drei Liter Meerwasser pro Stunde eine wichtige Funktion erfüllen. Zu der Gruppe der Krebse zählt man die Seepocken, Seekrabben, Einsiedlerkrebse und Nordseegarnelen. Zu nennen ist natürlich auch die Spezies der Stachelhäuter mit den Vertretern wie den Seeigel und den Seestern6. Die Gruppe der Insekten kommt dabei aber fast nur im Lebensraum Salzwiesen vor7.

 
Angler (KADIE)

Ausreichendes Nahrungsangebot, das Fehlen von großen Raubfischen im Flachwasser und günstige Temperaturen begünstigen das Fischvorkommen im Watt. Hier sind vor allem die Seezunge, die Scholle und die Kliesche zu nennen. Flunder, Stint und Aal, die zwischen ihren Heimatgewässern und der offenen See wandern, dient das Wattenmeer als wichtigen Zwischenhalt.

 
Möve (KADIE)

Vögel

Im Frühjahr und im Herbst dient das Wattenmeer Millionen von Zugvögeln als Rastplatz vor ihrem Weiterflug. Sie „futtern“ sich dabei die nötigen Nahrungsreserven für ihre anstrengende weitere Reise an. Vor allem Brand- und Nonnengänse, aber auch Trauer- und Eiderenten findet man hier. Die Zahl der im Wattenmeer brütenden Seevögel ist mit einer Millionen sehr viel geringer als die Zugvögel. Zu nennen sind vor allem die Lach-, Silber- und Heringsmöwe. Daneben dient das Wattenmeer dem Löffler, Seeregenpfeifer, der Lach-, Brand- und Zwergseeschwalbe als Brutgebiet. Charakteristische Vögel des Wattenmeeres sind z.B. der Austernfischer, Rotschenkel, Großer Brachvogel, Säbelschnäbler8.

 
Seehund (KADIE)

Säugetiere des Wattenmeeres

Drei Arten von Säugetieren kommen im Wattenmeer vor: Der Seehund, die Kegelrobbe und der Schweinswal. Wobei der Seehund zahlenmäßig am verbreitesten ist. Zu erleben ist der Seehund auf Sandbänken im Wattenmeer, die er als Ruhe-, Wurf- und Aufzuchtsplätze nutzt. Die Kegelrobbe ist in den letzten Jahren in das Wattenmeer zurückgekehrt. Man findet sie heute auf einer Plate westlich von Juist und vereinzelt auf Seehundbänken. Der Schweinswal misst etwa anderthalb Meter und ist die kleinste Walart. Nach Schätzungen aus dem Jahr 1994 gibt es etwa 170.000 Scheinswale in der zentralen und südlichen Nordsee.

Christina Hemken

 
Wattenmeer (CH)

Den Nationalpark Wattenmeer erleben

Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten das Weltnaturerbe Wattenmeer zu erleben. Bei einer geführten Wattführung in den küstennahen Gebieten oder zu den Inseln erschließt sich der Lebensraum den Besuchern direkt. Bei Ausflugsfahrten z.B. zu Seehundbänken, das Beobachten von Vögeln oder das Schaufischen lernen die Teilnehmer Tiere kennen, die das Watt bei Hochwasser bevölkern. An den Zugvögeltagen lädt die Nationalparkverwaltung Interessierte ein, den faszienierenden Vogelzug zu Fuß, per Rad oder mit dem Kutter zu beobachten. Darüber hinaus bieten im „Nationalpark „Niedersächsisches Wattenmeer“ zwei Nationalpark-Zentren, zwölf Nationalpark-Häuser und zahlreiche Umweltzentren den Besuchern ein umfassendes Informationsangebot mit Ausstellungen, Führungen, Bildungsurlauben und Vorträgen zu aktuellen Themen.

www.weltnaturerbe-wattenmeer.de
www.nationalpark-wattenmeer.niedersachsen.de
www.nationalpark-fuehrungen.de
www.nationalparkhaus-wattenmeer.de

 
Muscheln (CH)

Anmerkungen und Quellen

(1) Jürgen Newig, S. 20
(2) vgl. www.nationalpark-wattenmeer.niedersachsen.de
(3) vgl. www.nationalpark-wattenmeer.niedersachsen.de
(4) Willkommen im Weltnaturerbe Wattenmeer.
(5) vgl. Janke, Klaus; Bruno P. Kremer und Quedens, Georg
(6) Meier, S. 25.f und Quedens, Georg, S. 66
(7) vgl. www.nationalpark-wattenmeer.niedersachsen.de
(8) vgl. Meier, Dirk und Janke, Klaus; Bruno P. Kremer und Quedens, Georg
(9) vgl. www.nationalpark-wattenmeer.niedersachsen.de,

Janke, Klaus und Bruno P. Kremer: Düne, Strand und Wattenmeer; Tiere und Pflanzen unserer Küsten. Kosmos Naturführer. Stuttgart 1999
Meier, Dirk: Weltnaturerbe Wattenmeer. Kulturlandschaft ohne Grenzen. Heide 2010
Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer: Lebensraum Watt, Wilhelmshaven 2009
Newig, Jürgen und Hans Theede (Hg.): Das Wattenmeer - Landschaft im Rhythmus der Gezeiten. Hamburg 2001
Quedens, Georg: Strand und Wattenmeer: Tiere und Pflanzen an der Nord- und Ostsee. BLV Naturführer. München 1997
Gemeinsames Wattenmeersekretariat u.a. (Hg.): Willkommen im Weltnaturerbe Wattenmeer. Wilhelmshaven 2010
www.weltnaturerbe-wattenmeer.de
www.nationalpark-wattenmeer.niedersachsen.de.