Die Krummhörn ist eine aus 19 Ortsteilen bestehende Gemeinde im Landkreis Aurich, die den südwestlichen Teil der ostfriesischen Halbinsel bildet. Sie zeichnet sich besonders durch historische Kirchenbauten aus, so hat fast jedes der Dörfer eine bemerkenswerte Kirche aufzuweisen. Die nachfolgende Auswahl gibt einen kleinen Überblick über die Kirchenlandschaft der Krummhörn. Christianisiert wurde die Krummhörn erst nach dem 10. Jahrhundert. Sie gehörte vor der Reformation dem Bistum Münster an, wobei heute die evangelisch-reformierte Kirche vorherrscht. Die ältesten Kirchen wurden aus Tuffstein gebaut, der bereits fertig zugeschnitten ab 1100 rheinabwärts von der Eifel nach Ostfriesland transportiert wurde. Leider sind nur wenige Tuffsteinkirchen erhalten, da sie durch das Absinken des Grundwasserspiegels als Folge des Be- und Entwässerungssystems instabil wurden und man sie ab dem 13. Jahrhundert durch Backsteinbauten ersetzte. Charakteristisch für die Kirchen der Krummhörn ist der separat gebaute Glockenturm, das sollte die Stabilität des Kirchenschiffs sichern, die aufgrund des Marschbodens gefährdet war. Außerdem sind die meisten Kirchen auf erhöhte Warfen gebaut, um sie vor dem drohenden Hochwasser zu schützen.

 
Matthias Süßen. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Campen_Kirchenraum_ref.jpg

Ev.-reformierte Kirche in Campen

Der rechteckige Saalbau aus Backstein stammt aus dem 13. Jahrhundert, der später um gotische Spitzbogenfenster ergänzt wurde. Bemerkenswert ist aber nicht der Bau an sich, sondern die Ausgestaltung des Innenraums. Die Dominikalgewölbe mit den Zierrippen sind aufwändig ausgemalt. „Der dekorative Grundzug, der sich in den verschiedenen Blendornamenten wie Fischgräten-, Schachbrett- und Webmusterverband darstellt, erfuhr mit dem plastischen Mustern der Gewölberippen seine höchsten Ausdruck.“1. Die Dekoration erinnert an ähnliche Ausmalungen von Kirchen in der Provinz Groningen. Bei der einzigen figürlichen Darstellungen, die sich im mittleren Gewölbe befinden, handelt es sich um Jagdszenen, die den Teufel symbolisieren sollen, der die Seele der Menschen fangen will2. Die spätbarocke Kanzel mit Schalldeckel stammt aus dem Jahr 1794 und ist mit dünnen geschnitzten Ranken verziert.  

 
Karl-Heinz Meurer. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eilsum_Kirche.JPG

Ev.-reformierte Kirche St. Petrus in Eilsum

Die spätromanische Backsteinkirche wurde Mitte des 13. Jahrhunderts erbaut. Die Saalbaukirche weist gleich vier Besonderheiten auf. Einen angebauten Chorturm im Osten, sie ist damit die einzige Chorturmkirche in Ostfriesland, die betonte Außengliederung, die beachtenswerte Innengestaltung und die dekorative Ausgestaltung der Apsis. Auf den Gewölberippen, den Blendbögen, Bogenfriese und Fensterwölbungen finden sich florale Ausmalungen. Die figürliche, gut erhaltene, Darstellung im Chor zeigt Christus mit zwei Heiligen und Evangelistensymbolen, darunter durch ornamentale Ausgestaltung die zwölf Apostel. Die aufwändig gestalte Kanzel, mit denen im Relief dargestellten vier Kardinaltugenden, schuf der niederländische Meister Caspar Struiwig 1738. Davor befindet sich das Bronzetaufbecken, das aus der Werkstatt der Bremer Bronzegießerfamilie Klinghe stammt und 1472 von den Brüdern Bartold oder Hinrich gegossen wurde.

 
Kirche in Greetsiel (CH)

Ev.-reformierte Kirche in Greetsiel

Die rechteckige Saalkirche aus Backstein mit abgesetztem Glockenturm ließ Häuptling Haro Edzardsna um 1400 bauen und wahrscheinlich 1401 weihen. Über dem Westportal findet sich das Wappen der Cirksena und rechts davon das des schwedischen Königshauses. Auf dem Ostgiebel ist die älteste kirchliche Schiffswetterfahne Niedersachsens zu sehen. Der Innenraum wies ursprünglich eine Flachdecke auf, die 1852 durch eine hölzerne Tonnendecke ersetzt wurde. Das bedeutendste Ausstattungsstück ist der Orgelprospekt aus dem Jahr 1738, geschaffen von Johann Friedrich Constabel3, das sich in seiner Ausgestaltung an die Orgel von Arp Schnitger orientiert.

 
St. Petri in Groothusen (CH)

Die ehemalige Probsteikirche St. Petri in Groothusen

Die Kirche wurde aus Tuff- und Backstein um 1400 errichtet, wobei Teile, wie der Kirchturm, noch vom Vorgängerbau aus dem 12. Jahrhundert stammen. Der Kirchturm war nicht nur für die Kirchenglocken gedacht, sondern auch zur Aufnahme von Seezeichen für die Schifffahrt. Die Kirche ist eine große langgestreckte, fast 40 Meter lange Saalkirche, deren Längsseite durch Pfeiler in acht Segmenten gegliedert wird, die durch Spitzbogenfenster unterbrochen werden. „Ungewöhnlich für eine reformierte Kirche ist die als Schwan gestaltete Wetterfahne, denn dieser war das Zeichen lutherischer Kirchen. Sie war aber ein Geschenk des lutherischen Predigers Gerhard Sprangius und wurde der Gemeinde vom lutherischen Grafen Edzard II. aufgezwungen.“4. Hervorzuheben ist das Bronzetaufbecken auf vier Diakonen und auf der Außenwandung im Relief Kreuzigungsszene, Madonna und Apostel von dem Bremer Ghert Klinghe aus dem Jahr 1454. Die Orgel von 1798-1801 schuf der Emder Johann Friedrich Wenhin. Sie wurde bei ihrer Einweihung als „allervorzüglichste Landorgel Ostfrieslands“ bezeichnet5. Im Fußboden des Chorraumes befinden sich mehrere Grabplatten aus Sandstein, wie die Platte von Adda von Meckenborch (gest. 1590) mit ihrer ganzfigürigen Darstellung.
 
Ev.-reformierte Kirche in Manslagt (CH)

Ev.-reformierte Kirche in Manslagt

Die um 1400 erbaute Saalkirche aus Backstein befindet sich auf einer großen Warf. Das hölzerne Tonnengewölbe im Inneren wurde 1772 ergänzt. Die Kanzel aus dem Jahr 1714 stammt wahrscheinlich von dem Emder Meister Peter Gerkes Husmann. Der Taufstein aus Bentheimer Sandstein lässt sich in das frühe 13. Jahrhundert datieren. Die Orgel hat wahrscheinlich der bekannte Wittmunder Orgelbauer Hinrich Just Müller erbaut. Die Barockkanzel mit dem großen Schalldeckel und zahlreichen plastischen Verzierungen aus dem Jahr 1714 stammt wahrscheinlich von A. Frerichs.

 
Fotograf: Dickelbers. wikimedia.org/wiki/File:Church_in_Pewsum_02.JPG

Ev.-lutherische St. Nikolauskirche in Pewsum

Auf dem Vorgängerbau wurde 1862 eine komplett neu errichtete Saalkirche mit polygonalem Chorraum errichtet. Der Innenraum wurde gleichzeitig mit einer gewölbten Holzdecke ausgestattet. Die Kanzel aus dem Jahr 1618 erneuerte man 1937, sie ist mit Gemälde der vier Evangelisten bemalt. Während die spätgotische Sakramentsnische aus dem 15. Jahrhundert noch die originale Bemalung aufweist. Darüber hinaus befindet sich das Sandsteingrabmal der 1562 verstorbenen Häuptlingsgattin Tetta Manninga in der St. Nikolauskirche.

 
Die Kreuzkirche in Pilsum (CH)

Die Kreuzkirche in Pilsum

Die außergewöhnliche einschiffige, kreuzförmige Kirche aus Backtein bestimmt schon von weitem mit ihrem Vierungsturm das Landschaftsbild. Sie wurde im 13. Jahrhundert in drei Bauabschnitten errichtet. Angefangen mit dem Langhaus, dessen Fenster später verändert wurden, später folgte der Querbau und der Chorraum und als letztes Bausegment die Apsis. Der Vierungsturm ist in dem dritten Bauabschnitt angefügt worden, war aber schon im zweiten geplant, erkennbar an den stabilen Pfeiler. Dieser Baustil verweist auf den südenglischen Kirchenbau6.

 
Die Kreuzkirche in Pilsum (CH)

 

Während das Langhaus eine hölzerne Decke aufweist, sind die Ostteile mit einem Domikanergewölbe mit Spitzbögen, Kreuzarmen und Wulstrippen versehen. Auf den Rippen und Bögen finden sich ornamentale Wandmalerei in Schwarz, Rot und Weiß. In der Apsis ist Christus in der Mandorla dargestellt, gemalt um 1300. Aus der Mitte bzw. Ende des 15. Jahrhunderts stammt die Wandmalerei, wie die der Madonna mit Strahlenkranz und Triumphbogen, die Teil der Darstellung des Weltgerichts ist. Bemerkenswert ist auch das von den vier Evangelisten getragene Bronzetaufbecken von Hinrich Klinghe aus dem Jahr 1469 und die Kanzel von 1704, die der Meister Peter Gerkes Husmann aus Emden gefertigt hatte. Sowie die Orgel des bekannten Orgelbauers Valentin Ulrich Grotian, der von 1688-1708 ausschließlich in Ostfriesland arbeitete und sieben Orgelwerke hinterließ, von denen nur das aus dem Jahr 1694 stammende Werk in Pilsum erhalten ist.

 
Kirche in Rysum (CH)

Ev.-reformierte Kirche in Rysum

Die aus dem 15. Jahrhundert rechteckige Saalkirche aus Tuff- und Backstein wurde wahrscheinlich auf den Resten der aus dem 9. Jahrhundert erbauten Holzkirche errichtet. Sie steht auf dem höchsten Punkt der Rysumer Rundwarf. Im 19. Jahrhundert zog man unter der hölzernen Decke eine niedrigere Spiegeldecke ein, dadurch war man gezwungen den Orgelaufbau abzubauen. Nach der Restaurierung in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts erkannte man den besonderen Wert der Orgel. Sie ist die zweitälteste, spielbare Orgel im deutschen Sprachraum und stammt aus dem Jahr 1457, wahrscheinlich von dem Groninger Orgelbauer Hermannus.

Christina Hemken

 Anmerkungen

(1) Haiduck 1986, S. 130
(2) Haiduck 1986, S. 75
(3) Monika van Lengen 1996, 25
(4) Haiduck 1986, S. 79
(5) Vgl. Haiduck, S.79
(6) Vgl. Haiduck, S. 87f.

Literatur/Quellen

Hermann Haiduck: Die Architektur der mittelalterlichen Kirchen im ostfriesischen Küstenraum. Aurich 1986

Monika van Lengen: Inseln der Ruhe. Kirchen in Ostfriesland. Leer 1996

Gottfried Kiesow: Architekturführer Ostfriesland. Bonn 2010

Gottfried Kiesow: Hans-Christian Hoffmann; Roswitha Poppe; Hans Reuther; Walter Wulf: Bremen Niedersachsen. Reihe Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Berlin 1992

Robert Noah: Ostfriesische Kirchen. Aurich 1980

Robert Noah: Gotteshäuser in Ostfriesland. Norden 1989

Ingrid Nöldeke: Der Stoff aus dem die Kirchen sind. Schortens 2009