Hans Bötticher alias Joachim Ringelnatz wurde am 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig, als jüngstes von drei Geschwistern Familie geboren.

 
G. Tolle: Joachim Ringelnatz (Privat)

Sein Vater Georg belieferte Fabriken im In- und Ausland mit Musterzeichnungen für Tapeten, Teppiche und Möbel und zählte zu den bekanntesten Kinderbuchautoren seiner Zeit; seine kunstsinnige Mutter Rosa Maria war die Tochter eines wohlhabenden Sägewerkbesitzers in Tilsit. Schon in seiner Kindheit zeigte sich sein künstlerisches Talent. In der Zeitschrift Kinderlust und in Auerbach’s Deutschem Kinderkalender, den sein Vater herausgab, veröffentlichte er mit nicht einmal 15 Jahren die ersten eigenen Werke. Eingeschult wurde er in Leipzig, wohin die Familie bald nach seiner Geburt umgezogen war. Seine Lehrer haben es offenbar nicht leicht gehabt mit dem aufmüpfigen und frechen Kind. Sollte nur ein Teil derjenigen Anekdoten, die aus dieser Zeit überliefert sind, der Wahrheit entsprechen, müssen sie heilfroh gewesen sein, als sie ihn nach zweimaligem sitzen bleiben mit der Mittleren Reife und im Alter von 13 Jahren endgültig des Gymnasiums verweisen konnten. Im Klassenbuch wurde vermerkt: „ein Schulrüpel erstens Ranges; aus lauter Ungezogenheiten zusammengesetzt“.

 
Rekrut H. Bötticher (Ringelnatz-Museum)

Schon als kleiner Junge hatte Hans Bötticher sich für Exotik und ferne Welten interessiert, hatte Abenteuerromane verschlungen und seine Freizeit im Leipziger Zoo verbracht. Im Jahre 1901 heuerte er als Schiffsjunge auf dem Segelschiff Elli nach Mittelamerika an. Schweres Leben an Bord, harte Arbeit, Schikanen, Hunger, Prügeleien und massive Strafen prägten das Leben auf der Elli. Überdies wurde der Schiffsjunge permanent ob seines schweren sächsischen Dialekts und seiner geringen Körpergröße gehänselt, er maß auch als Erwachsener keine 1,60 m. Insgesamt führ er vier Jahre zur See. Er diente z.B. 1904 als Einjährig-Freiwilliger bei der Kaiserlichen Marine in Kiel, wo er 1905 zum Bootsmannsmaat befördert wurde.

 

 

 
Joachim Ringelnatz (Ringelnatz-Museum)

In den Jahren danach probierte er die unterschiedlichsten Arbeitsstellen aus, wobei er es auf eine höchst beachtliche Zahl abgebrochener Laufbahnen brachte. Ohne Übertreibung konnte er behaupten, sich in 35 Berufen versucht zu haben, bevor es ihm gelang von seiner Kunst als Künstler zu leben. Unter vielen Pseudonymen produzierte er Texte in großer Fülle – doch wenige wollte sie lesen und kaum jemand dafür bezahlen. Mit seinem Umzug nach München 1909 begann ein, wenn auch zunächst kleines Publikum, sein Bühnentalent zu entdecken. In der berühmten Schwabinger Künstlerkneipe Simplicissimus trug er Nonsensreime und Gelegenheitsgedichte vor, mit denen er rasch große Beliebtheit erlangte. Zwischen 1910 und 1913 erschienen nun die ersten erfolgreichen Veröffentlichungen, so z. B. die Schnupftabakdose mit dem Gedicht "Eine männlicher Briefmark….".

 
Ringelnatz-Museum (Ringelnatz-Museum)

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 beendete die beginnende Schriftstellerkarriere zumindest vorläufig. Mit einem Großteil der deutschen Bevölkerung teilte Hans Böttcher eine anfängliche Euphorie, der nach kurzer Zeit eine Ernüchterung folgte. Er führte ein Kriegstagebuch, in dem er seine Jahre bei der Kriegsmarine ohne jede Beschönigung protokolliert hat. 1928 gab er es unter dem Titel "Als Mariner im Krieg" geringfügig überarbeitetet heraus. An der Nordseeküste, wo Hans Bötticher zumeist stationiert war, wurden keine großen Schlachten geschlagen. Wie viele andere Mariner verbrachte er die meiste Zeit an Land oder fuhr auf notdürftig kriegstüchtig gemachten Fischerbooten und Schleppern zum Minensuchen oder –legen.

 
Autogrammkarte J. Ringelnatz (Ringelnatz-Museum)

Trotz allem war er besonders stolz darauf, dass er es mit eiserner Disziplin und großer Leidensbereitschaft bis in den Offiziersstand gebracht hatte: 1917 wurde er zum Leutnant befördert. Wenig später erhielt er das Kommando über eine Luftabwehr-Batterie in Seeheim bei Cuxhaven, und hier begann die kurioseste Episode seiner Kriegszeiten. In Seeheim, einer ehemaligen Kindererholungsstätte, fand er ein großes, teilweise zerstörtes Terrarium vor, das er sofort ausbessern ließ. Dies Terrarium wurde nun zum Lebensmittelpunkt für einen Offizier, der einfach keine Lust mehr hatte, beim Krieg mitzumachen. Mit dem Kescher zog er durch die Gegend um Schlangen, Frösche, Lurche zu erbeuten.

 
Auftrittsphoto J. Ringelnatz (Ringelnatz-Museum)

Das Pseudonym Joachim Ringelnatz  nahm er 1919 an. Auch in seinem Privatleben hatte es 1920 eine entscheidende Wendung gegeben. Er heiratete Leonharda Pieper, die er liebevoll Muschelkalk genannt hat. Die kinderlose Ehe war glücklich. Seine Frau kümmerte sich um alle Belange ihres Mannes, tippte Manuskripten ab und erledigte die Verlagskorrespondenzen. Den Lebensunterhalt verdiente er vorwiegend als Vortragskünstler. Doch wer ihn nur von der Bühne her kannte, dürfte Schwierigkeiten gehabt haben, ihn im Privatleben wiederzuerkennen. War er als Kuttel Daddeldu außer Dienst, liebte er teure Anzüge, bevorzugte Champagner und edle Weine. Wann immer er es sich leisten konnte, stieg er in den besten Hotels ab und flog mit der Luft-Hansa. Gleichwohl berichten zahlreiche Anekdoten von den mitunter ausgelassenen Festen und Trinkgelagen.

 
J. Ringelnatz: Seegang (Ringelnatz-Museum)

Fast in Vergessenheit geraten ist das malerische Werk von Joachim Ringelnatz. In den 20er Jahren entwickelte es sich zum zweiten beruflichen Standbein für ihn. 1930 zog Ringelnatz gemeinsam mit seiner Frau von München nach Berlin aufgrund der Annahme, dass sich die politische Situation hier nicht so prekär entwickeln würde. Eine bitterer Trugschluß wie sich spätestens 1933 zeigte, als auch seine Werke der Bücherverbrennung zum Opfer fielen und seine Bilder aus den Museen verschwanden. Ein Auftrittsverbot folgte. Damit war dem Paar schlagartig die Lebensgrundlage genommen. Gespart hatten sie nichts – all das, was in die Kasse gekommen war, hatte das lebenslustige Ehepaar mit vollen Händen ausgegeben. Schwer an Tuberkulose erkrankt, fehlte das Geld für eine medizinische Behandlung. Zwar versuchten seine Freunde noch durch Spendenaktionen Geld für ihn zu sammeln, aber es war zu spät. Joachim Ringelnatz starb am 17.11.1934 in seiner Wohnung am Berliner Sachsenplatz.

 
Logo Ringelnatz-Museum (Ringelnatz-Museum)