Paula Modersohn-Becker (1876–1907) wird heutzutage als bedeutende Künstlerin anerkannt. Zwar wurde ihr als erster Malerin der Welt ein eigenes Museum errichtet – das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen, das sich noch heute schwerpunktmäßig ihrem Werk widmet – doch ihre Kunst erfuhr zu Lebzeiten kaum Anerkennung.

 
Paula Modersohn-Becker in der Worpsweder Landschaft, 1905, Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

In der kurzen künstlerischen Schaffensphase von 14 Jahren schuf sie über 700 Gemälde, 1000 Zeichnungen und einige Radierungen. Ihr Werk umfasst dabei vielfältige Motive wie Selbstbildnisse, Porträts, Kinder- und Mutter-Kind-Darstellungen, Akte, Landschaften und Stillleben. Kennzeichnend für ihre Malerei ist ein Stil, der ihrer Zeit voraus scheint und der sich sowohl in der Auswahl der Modelle als auch in der reduzierenden, abstrahierenden Malweise zeigt. Vor diesem Hintergrund wird Paula Modersohn-Becker heute als „Pionierin der Moderne“ bezeichnet (1).

 
Paula Modersohn-Becker: Schlafendes Kind, 1904, Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

Minna Hermine Paula Becker wird als Tochter eines Ingenieurs und als dritte von insgesamt sieben Geschwistern 1876 in Dresden geboren. Hier lebt sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahr. Ihre Mutter Mathilde Becker, die von einem thüringischen Adelsgeschlecht abstammte, gilt als weltoffene, lebensbejahende und relativ liberale Frau. Im Jahr 1888 siedelt die Familie nach Bremen über, wo sie ein Haus in der Schwachhauser Chaussee bezieht. Während eines Londonaufenthalts bei ihrer Tante erhält Paula Becker ihren ersten Zeichenunterricht. Nach der Rückkehr ermöglichen ihr die Eltern weiteren Unterricht bei dem Bremer Maler Bernhard Wiegandt. Mit 16 Jahren ist ihre Leidenschaft für die Kunst entfacht. Auf Drängen ihres Vaters absolviert Paula Becker ein Lehrerinnenseminar, bevor es ihr gelingt, die Eltern davon zu überzeugen, das Studium der Malerei antreten zu dürfen. Ab 1896 lernt Paula Becker an der Malschule des Vereins der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen Berlin e. V. In dieser Zeit besucht sie die Museen und Galerien der Stadt und widmet sich ganz dem Malen und Zeichnen. Angetan ist sie unter anderem von Rembrandt (2).

 

Worpswede ist der jungen Frau schon von Familienausflügen her bekannt. In der Bremer Kunsthalle sieht sie 1895 zudem Werke der Worpsweder Künstler Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler und Otto Modersohn. Über ihren späteren Ehemann schreibt sie danach: „Sonst interessiert mich noch riesig ein Modersohn. Der hat die verschiedenen Stimmungen in der Heide so schön geschildert, sein Wasser ist so durchsichtig, und die Farbe so eigenartig“ (3). Im Jahr 1897 verbringt sie im Sommer einen Monat in dem Dorf im Teufelsmoor. Bereits bei diesem Aufenthalt in Worpswede malt sie ihr erstes Kinderporträt (4) und Selbstbildnisse. Im Jahr 1898 zieht Paula Becker nach Worpswede. Sie erhält Unterricht von Fritz Mackensen, der bereits Clara Westhoff und Marie Bock unterrichtete. Paula Becker ist von dem ländlichen Leben, den einfachen Bauern, den Torfstechern und der Landschaft inspiriert. Sie macht all dies zu ihren Motiven und genießt das Gefühl von Künstlern zu denen sie aufschaut, angenommen zu werden. Jedoch schreibt sie bereits an ihrem ersten Abend in Worpswede an ihre Tante: „Ich genieße jeden Atemzug und in der Ferne glüht, leuchtet Paris“ (5). Die Sehnsucht nach einem Parisaufenthalt – der Stadt, die sich zu einem Kunstmekka entwickelt hatte und in der um die Jahrhundertwende Künstler wie Paul Cézanne, Henri Matisse und Claude Monet ausstellten – soll sich für Paula Modersohn-Becker schließlich zwei Jahre später erfüllen.

 
Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis frontal, 1897, Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

In der Silvesternacht zum Jahr 1900 nimmt sie den Nachtzug nach Paris. Das Anfangs so geliebte Worpswede ist ihr schließlich zu eng geworden und auch zu den Malern der Künstlerkolonie kann sie nicht mehr uneingeschränkt aufschauen. Sie isolierte sich zuletzt mehr und mehr und erkannte, dass sich ihre Malerei von der der anderen abhebt. So schreibt sie 1899 in einem Brief an ihre Eltern: „Ich glaube, ich werde mich von hier fortentwickeln. Die Zahl derer, mit denen ich es aushalten kann, über etwas zu sprechen, was meinem Herzen und meinen Nerven nahe liegt, wird immer kleiner werden“ (6). Vermutlich trägt auch die vernichtende Kritik, die sie für ihre erste Ausstellung in der Bremer Kunsthalle im Dezember 1899 erhielt, zu ihrem Aufbruch bei. In der Weser-Zeitung kritisierte der angesehene Kunstkritiker Arthur Fitger ihre Werke harsch und konstatierte: „(…) die Bremer Kunsthalle sei ihm angesichts solch ‚unqualifizierter Leistungen’ widerlich geworden“ (7).

 
Paula Modersohn-Becker: Moorgraben, 1900, Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen

Nach dieser Niederlage und der gefühlten Enge in dem nordischen Dorf erscheint Paris Paula Modersohn-Becker wie eine einzige Inspirationsquelle. Sie trifft hier Clara Westhoff wieder, die an Bildhauerschule Rodins arbeitet. Paula Becker belegt verschiedene Akt- und Anatomiestunden und verbringt viel Zeit im Louvre und in Galerien. Sie zeigt sich stark eingenommen von den Bildern Cézannes, in denen sie etwas von ihrem Schaffen wiedererkennt, wie Clara Westhoff es beschreibt: „(…) diese Entdeckung war für sie eine unerwartete Bestätigung ihres eigenen künstlerischen Suchens“ (8). Im Juni des Jahres 1900 kehrt Paula Becker nach Worpswede zurück. Sie trifft die Bewohner der Künstlerkolonie regelmäßig in Vogelers Barkenhoff. An diesen Treffen nehmen auch Carl Hauptmann und Rainer Maria Rilke teil.

 
Paula Modersohn-Becker: Liegende Mutter mit Kind II, 1906, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Im September verloben sich Otto Modersohn und Paula Becker. Im Mai 1901 heiraten sie und Paula trägt fortan den Namen Modersohn-Becker. Mit dieser Liebeshochzeit gewinnt sie Unabhängigkeit von ihren Eltern, die sie trotz aller künstlerischen Förderung zu einem angepassteren Leben drängen, und Freiraum für ihr künstlerisches Schaffen. Denn Otto Modersohn vertraut früh in ihr Talent: „(…) Keiner kennt sie, keiner schätzt sie. Das wird einmal anders werden“ (9). Es folgen sehr produktive Schaffensjahre. Die Künstlerin malt vor allem Bildnisse und Figuren in der Landschaft (10). Manchmal widmen sich Paula Modersohn-Becker und Otto Modersohn demselben Motiv, so z. B. dem Moorgraben. Ab 1903 konzentriert sie sich verstärkt auf Kinderporträts, Mutter-Kind-Darstellungen und Stillleben (11).

 
Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen

Da sie sich in Worpswede jedoch immer wieder eingeengt fühlt, reist Paula Modersohn-Becker 1903 und 1905 erneut nach Paris. Sie zeichnet vor antiken Mumienporträts im Louvre und überträgt daraus Aspekte in ihre Selbstporträts. Bei dem Aufenthalt 1905 belegt sie einen Aktkurs an der Académie Julian. Abermals sucht sie bei diesen Reisen besonders nach Abwechslung in der Kunst, die sie bei Künstlern wie Paul Gaugin, Maurice Denis und Auguste Rodin findet. Sie beschäftigt sich hier auch intensiv mit der Farbgebung ihrer Malerei.
Mit der Zeit treten in der kinderlosen Ehe Spannungen auf, Otto Modersohn äußert sich auch zunehmend kritischer über ihre Kunst. Schließlich plant Paula Modersohn-Becker ohne ihren Mann einzuweihen einen längeren Parisbesuch, zu dem sie 1906 aufbricht.

 
Signatur Paula Modersohn-Becker

Trotzdem unterstützt Otto Modersohn sie finanziell von Deutschland aus. In Paris lernt sie den Bildhauer Bernhard Hoetger kennen, der sich von ihrem Werk begeistert zeigt und später im Auftrag von Ludwig Roselius das Bremer Paula Modersohn-Becker Museum entwirft, das am 2. Juni 1927 eröffnet wird. Von Oktober 1906 bis März 1907 folgt Otto Modersohn seiner Frau nach Paris. Noch vor der gemeinsamen Rückkehr nach Worpswede und ihrer Schwangerschaft malt Paula Modersohn-Becker das Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag (25. Mai 1906), wobei es sich um den ersten Selbstakt einer Frau handelt. Über die Interpretation ihrer Darstellung als Schwangere, wird in der Kunstgeschichte viel diskutiert. Im November 1906 präsentiert die Kunsthalle Bremen erneut einige Paula Modersohn-Beckers Werke. Die Kritik fällt jetzt positiver aus. Aus ihren Aufzeichnungen und Briefen sprechen nun eine neue innere Ruhe und mehr Selbstvertrauen ihrer Kunst gegenüber. Auch die Motive ihrer Malerei verändern sich,  immer häufiger widmet sie sich Mutter-Kind-Darstellungen. Am 2. November 1907 bringt sie ihre Tochter Mathilde zur Welt. Doch noch im Wochenbett stirbt Paula Modersohn-Becker am 20. November 1907 mit nur 31 Jahren an einer Embolie.

 
Paula Modersohn-Becker Museum, Außenansicht, Archiv Böttcherstraße Bremen

Paula Modersohn-Becker hat zu Lebzeiten nur wenige Bilder verkauft und selten ausgestellt. Erst nach ihrem Tod wird ein Großteil ihres Werkes öffentlich, welches sie selbst im Verborgenen gehalten hatte. 28 ihrer Gemälde erwirbt der Bremer Sammler und Erfinder des koffeinfreien Kaffees Ludwig Roselius. 1913 werden in der Kunsthalle Bremen über 100 ihrer Gemälde gezeigt und immer mehr Kritiker und Sammler beginnen, ihre Bilder aufgrund der formalen Dichte und ausdruckstarken Bildsprache zu schätzen. 1927 macht Ludwig Roselius die von ihm erworbenen Werke im Paula Modersohn-Becker Museum dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich. Paula Modersohn-Beckers Tochter Mathilde (1907–1998) gründet 1978 die Paula Modersohn-Becker-Stiftung, die sich bis heute um ihr Werk verdient macht. Das Paula Modersohn-Becker Museum in der Bremer Böttcherstraße zeigt dauerhaft Meisterwerke von Paula Modersohn-Becker. Durch Neuankäufe und Leihgaben der Paula Modersohn-Becker-Stiftung konnte die Sammlung von Ludwig Roselius stetig ergänzt werden.

Johanna Köhler

Museen Böttcherstraße
Paula Modersohn-Becker Museum
Ludwig Roselius Museum
Böttcherstraße 6–10
28195 Bremen

Abbildungsnachweis

Die Bildrechte liegen jeweils bei dem Paula Modersohn-Becker Museum -
Museum im Roselius-Haus

- Vorschaubild: Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis frontal, 1897, Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
- Querformat oben: Paula Modersohn-Becker: Liegende Mutter mit Kind II, 1906, Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen
- Paula Modersohn-Becker in der Worpsweder Landschaft, 1905,
Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
- Paula Modersohn-Becker: Schlafendes Kind, 1904,
Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
- Paula Modersohn-Becker: Mädchen mit Feuerlilien, 1897,
Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
- Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis frontal, 1897,
Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
- Paula Modersohn-Becker: Moorgraben, 1900, Paula Modersohn-Becker-Stiftung, Bremen
- Paula Modersohn-Becker: Liegende Mutter mit Kind II, 1906,
Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen
- Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag, 1906,
Kunstsammlungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen
- Signatur Paula Modersohn-Becker
- Paula Modersohn-Becker Museum, Außenansicht, Archiv Böttcherstraße Bremen

Anmerkungen

(1) (vgl. Stamm/Wipplinger 2010)
(2) (vgl. Buschhoff 2007, S. 288)
(3) (Brief an Kurt Becker, 27.4.1895 in: Busch/von Reinken 2007)
(4) (Buschhoff 2007, S. 289)
(5) (Brief an Cora von Bültzingslöwen, 7.9.1898, in: Busch/von Reinken 2007)
(6) (Brief an Carl Woldemar und Mathilde Becker, 12.2.1899, in:
Busch/von Reinken 2007)
(7) (zitiert nach: Murken 2007, S. 8)
(8) (zitiert nach: Hetsch 1932, S. 43)
(9) (Otto Modersohn in seinem Tagebuch am 15.6.1902)
(10) (vgl. Buschhoff 2007, S. 299)
(11) (Buschhoff 2007, S. 302)

Literatur/Quellen

Buschhoff, Anne (2007): »Paula Modersohn-Becker und die Kunst um 1900«, in: Buschhoff, Anne/Herzogenrath, Wulf (Hrsg.) (2007): Paula Modersohn-Becker und die Kunst in Paris um 1900 – Von Cézanne bis Picasso, Hirmer Verlag.
Hetsch, Rolf (1932): Paula Modersohn-Becker. Ein Buch der Freundschaft, Zeichner des Volkes, Bd. 4.
Busch, Günther/ von Reinken, Liselotte (Hrsg.) (2007): Paula Modersohn-Becker in Briefe und Tagebüchern, S. Fischer-Verlag.
Murken, Christa (2007): Paula Modersohn-Becker, DuMont Buchverlag.
Stamm, Rainer/Wipplinger, Hans-Peter (Hrsg.) (2010): Paula Modersohn-Becker – Pionierin der Moderne, Kunsthalle Krems/Hirmer Verlag.