Das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven wird ab Frühjahr 2012 das erste Migrationsmuseum in Deutschland sein. Dann nämlich wird es sich neben der Auswanderung auch mit dem Thema Einwanderung beschäftigen. Dauerhaft. Damit werden künftig beide Seiten der Medaille Migration beleuchtet. Die Besucher erfahren inmitten originalgetreuer Rekonstruktionen der historischen Räume und Schauplätze die wichtigsten Ursachen von Migration weltweit. Sie lernen dabei die persönlichen Träume und Ängste eines Auswanderers, Vertriebenen oder Flüchtlings kennen und können sich an zahlreichen multimedialen Stationen über die gesellschaftlichen Hintergründe für Ein- und Auswanderungsbewegungen von und nach Deutschland informieren. Ziel dieses kulturhistorischen Museums ist es, das Thema Migration lebendig zu vermitteln

 
'Kaje'

Ob Abenteuerlust, Not oder Zwang – schon immer haben Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen ihre Heimat verlassen, um an einem anderen Ort Land, Arbeit, Frieden oder Glück zu finden. Freiwillig oder unfreiwillig. Den Europäern, die die Alte Welt verließen, um sich in der Neuen Welt niederzulassen, widmet sich das Deutsche Auswandererhaus bereits seit seiner Eröffnung im August 2005. Mehr als 7,2 Millionen Menschen emigrierten zwischen 1830 und 1974 alleine über Bremerhaven nach Nordamerika, Argentinien, Australien oder Brasilien. Auf deren Spuren haben sich bereits über 1,3 Millionen Besucher in dem Erlebnismuseum begeben. Ab diesem Frühjahr können die Gäste auch exemplarische Lebenswege der etwa 53 Millionen Ein- und Zuwanderer verfolgen, die seit 1685 für immer oder zeitweise über deutsche Grenzen gezogen sind – ob Hugenotten, Ruhrpolen oder die „Gastarbeiter“, die in den Sechziger-, Siebzigerjahren in die Bundesrepublik zogen.

 
'Hofkapelle'

Künftig begleitet der Museumsbesucher während seines Rundgans zwei reale Biografien – einen Auswanderer und einen Einwanderer. So begibt er sich beispielsweise zunächst mit dem Schneidergesellen Paul Lemke auf dessen Reise nach Amerika. 1874 wandert dieser aus, um der großen Konkurrenz auf dem heimischen Arbeitsmarkt im brandenburgischen Soldin zu entkommen. Fünf Jahre später reist er weiter nach Hawaii, das seit 1898 zu den USA gehört. Dort werden ihm königliche Ehren zuteil: Paul Lemke wird zum Hofschneider von König Kalakaua ernannt. Heute leben Paul Lemkes Nachfahren in fünfter Generation auf Hawaii, ohne ihre deutschen Verwandten je aus den Augen verloren zu haben.

 
'Dokumententasche'

Für den deutschen Paul Lemke war König Kalakaua in der Neuen Welt ein Glücksfall. Der Hugenotte Philippé Connor fand in der Alten Welt einen königlichen Förderer: den brandenburg-preußischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. In dessen Land floh Connor vor dem katholischen Sonnenkönig Ludwig XIV., der 1685 alle seine protestantischen Untertanen in Frankreich vor die Wahl stellte: Entweder würden sie den katholischen Glauben annehmen oder aber verfolgt, eingesperrt oder gar ermordet werden. 150.000 Hugenotten verließen heimlich das Land. Philippé blieb zunächst in Frankreich, entschied sich später jedoch, nach Berlin zu fliehen, das auch nach dem Tod Friedrich Wilhelms noch Hugenotten aufnahm. Noch heute ist der Französische Dom am Gendarmenmarkt in Berlin ein Zeugnis dieser Ära. Familie Connor lebt inzwischen in der achten Generation in der heutigen Bundeshauptstadt.

 
Deutsches Auswandererhaus Brmerhaven

 

Zwei Epochen, zwei Migranten, zwei von über 30 Geschichten, die exemplarisch die wichtigsten Ursachen und Gründe für Migration von und nach Deutschland der vergangenen 300 Jahre aufzeigen. Die einen zieht es weg aus Deutschland, die anderen hierher. Alle vereint das Deutsche Auswandererhaus künftig unter einem Dach. Das Deutsche Auswandererhaus, das 2007 als bestes Museum Europas ausgezeichnet wurde, ist das einzige kulturhistorische Museum des Landes, das privatwirtschaftlich betrieben wird. Der neue Ausstellungsbau, der in diesem Frühjahr eröffnet wird, wird mit jeweils zwei Millionen Euro vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie dem Land Bremen und mit 500.000 Euro von der privaten Betreibergesellschaft „Paysage House 1 – Gesellschaft für Kultur und Freizeit mbH & Co. KG“ finanziert.

Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven
Columbusstraße 65
27568 Bremerhaven
Tel.: 0471/902200
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Bildnachweis

Querformat oben: Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven CREDIT: Deutsches Auswandererhaus/Stefan Volk

Foto: „Galerie". In der „Galerie der 7 Millionen“ erfahren die Museumsbesucher, welche verschiedenen Gründe es für die Auswanderung gab. Hier lernen sie auch die Biografien der realen Auswanderer kennen, die sie durch die Ausstellung begleiten. © Deutsches Auswandererhaus

Foto: "Kaje". Detailgenaue Rekonstruktionen und multimediale Inszenierungen versetzen die Besucher im Deutschen Auswandererhaus mitten in die Geschichte. Im Ausstellungsraum „An der Kaje“ stehen die Besucher in einer Hafenszene des Jahres 1888 und sehen die Auswanderer, die sich von ihren Familien verabschieden und voller Hoffnung und Wehmut an Bord gehen, um ihre Reise in eine ungewisse Zukunft anzutreten. © Deutsches Auswandererhaus/Stefan Volk

Foto: "Hofkapelle". Diese Weihnachtsgrußkarte an Paul Lemke aus dem Jahr 1905 zeigt das königliche Orchester – ausgestattet mit preußischen Uniformen von ihm, dem Hofschneider. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Renate Jaeckel.

Foto: "Dokumententasche". Dokumententasche von Albert Connor, dem Ur-Ur-Ur-Enkel des um 1710 eingewanderten Hugenotten Philippé Connor. Der Lieferant für technische Bedarfsartikel trug stets das Foto seiner Tochter Jeannette mit sich. Um 1910. © Sammlung Deutsches Auswandererhaus, Schenkung Petra Behringer.

Foto: "Deutsches Auswandererhaus" © Deutsches Auswandererhaus /Stefan Volk