Kindheit und Jugend

Hermann Ludwig Allmers, geboren am 11. Februar 1821 in Rechtenfleth an der Unterweser, verstorben ebenda am 9. März 1902, wuchs als einziges überlebendes Kind auf dem Großbauernhof seiner Eltern in Rechtenfleth auf. Seine Mutter Sophie Dorothea Biedenweg war Tochter des Pastors im nahe gelegenen Kirchdorf Sandstedt, sein Vater Spross eines angesehenen Osterstader Bauerngeschlechtes. Seine glückliche Kindheit und Jugend wurde nur von den Sorgen um seine angeborene Lippen-Kiefer-Gaumenspalte überschattet.

 
Hermann Allmers (HAG)

Entsprechend seiner Gesinnung als Freimaurer erzog ihn der Vater zu persönlicher Freiheit und Verantwortung, politisch antirestaurativ und demokratisch. Diese Erziehung begründete die Phantasie, den Enthusiasmus und die Interessenvielfalt des erwachsenen Mannes.
Wegen der jämmerlichen Schulverhältnisse in der Osterstader Marsch wurde Allmers bis zum Alter von 16 Jahren von Hauslehrern unterwiesen. Während der Sommermonate betätigte er sich in der väterlichen Landwirtschaft, die Winter verbrachte er bis zu seinem 21. Lebensjahr zumeist als Pensionär in Bremen, wo er seine Bildung durch privaten Unterricht in den Fremdsprachen, den Wissenschaften und im Zeichnen zu vervollständigen suchte. Aus dieser Zeit stammen seine ersten Veröffentlichungen und auch die ersten Freundschaften, die ihn Zeit Lebens mit der Hansestadt verbinden sollten.

 
H. Allmers in Italien, 1859 (HAG)

Politisches und gesellschaftliches Wirken

Mit einem Geldgeschenk seines Vaters konnte Allmers im Juli 1845 zu seiner ersten Bildungsreise aufbrechen, die ihn u. a. zu Friedrich Jahn in Freyburg an der Unstrut und bis an Winckelmanns Grab in Triest führte. Nach dem Ableben des Vaters hatte Allmers 1849 nicht nur die Landwirtschaft zu übernehmen, sondern in seines Vaters Nachfolge auch das Amt des Gemeindevogtes. Der Umfang der Geschäfte band ihn dermaßen, dass er nur einige kleinere Arbeiten in Bremer Zeitungen veröffentlichen konnte, die indes den Grundstock seines ‚Marschenbuches’ bilden sollten.

 
H. Allmers (HAG)

Daneben wirkte Allmers auf dem Gebiet der Volksbildung. Sie war für ihn eine wesentliche Voraussetzung für das Erreichen eines konstitutionellen deutschen Nationalstaates. 1846 gelang es ihm eine Volksbibliothek in Sandstedt einzurichten. 1848/49 gehörte er zu einem Kreis in Bremerhaven und Umgebung beheimateter Oppositioneller, die u. a. einen ‚Verein zur Unterstützung politisch Verfolgter‘ gründeten. Im Gefolge dessen gewährte er u. a. Arnold Ruge, dem Sekretär Karl Marx’, eine Zeitlang Unterschlupf auf seinem Hof.
Neben diesem politischen Wirken bewahrte Allmers aber seine lyrische Natur. Das bis heute berühmteste seiner Gedichte ist die 1852 entstandene ‚Feldeinsamkeit’. Von Johannes Brahms vertont gelangte dieses Lied zu Weltruhm.

 
Otto Knille: Portrait H. Allmers, 1864 Rötel (HAG)

Das Marschenbuch

Den Herbst und Winter 1855/56 verbrachte Allmers in Ostpreußen und in Berlin. Dort wurde er mit Carl Ritter bekannt, dem Begründer der Vergleichenden Geographie, und mit dem Kunsthistoriker Franz Kugler, der, wie Allmers, als Dichter eines Studentenliedes auf die thüringische Rudelsburg hervorgetreten war. Während Kugler sich besonders für Allmers’ Schilderungen der nordwestdeutschen Kunstgeschichte interessierte, bestärkte ihn Ritter in der Vertiefung seiner ‚Norddeutschen Vegetationsbilder’. Im Jahr darauf lernte Allmers in München Wilhelm Heinrich Riehl, den Vater der wissenschaftlichen Volkskunde kennen. Riehl wanderte später mit ihm durch die Wesermarschen und interessierte sich sehr für das nunmehr druckreife ‚Marschenbuch’, dem er eine glänzende Besprechung in der damals angesehensten überregionalen Zeitung Deutschlands, der ‚Augsburger Allgemeinen’ widmete.

 
F. v.  Lenbach: Portrait H. Allmers 1895; Öl/Leinw (HAG)

Durch Riehl wurde Allmers in die Tafelrunde König Maximilians von Bayern eingeführt, wodurch Allmers in Kontakt trat mit Geibel, Heyse, Kaulbach und Moritz von Schwind. In München traf er 1857 auch die damals noch unbekannten Maler Otto Knille und Heinrich von Dörnberg, mit denen er eine lebenslange Freundschaft knüpfte. Gerade im Umgang mit den „noch Namenlosen“ bewies Allmers, der lebenslang unverheiratet blieb, seine größte Gemüts- und Geistesgabe: Bis in seine letzten Lebensjahre, als er mit den jungen Worpswedern umging, war er seinen „Wahlneffen“ gegenüber väterlicher Freund und Inspirator. Dabei zog sein anregendes Wirken in seiner engeren Heimat die weitesten Kreise. Als Initiator einer liberal verstandenen Heimatbewegung wurde er zum Gründer des Heimatbundes der Männer vom Morgenstern (1882) mit Sitz in Bremerhaven und des Rüstringer Heimatbundes (1892) mit Sitz in Nordenham.

 
H. Allmers: San Pietro in Vincoli, Bleistift, 1859  (HAG)

„Römische Schlendertage“

1858 brach Allmers zu seiner wichtigsten und längsten Reise auf. Diese ‚nachklassische‘ italienische Reise währte bis Ende 1859 und führte ihn mit zwei längeren römischen Aufenthalten bis nach Sizilien. In Neapel lernte er den jungen Ernst Haeckel kennen, unter dessen Anleitung er seine geologischen und botanischen Interessen vertiefte. Die literarische Essenz dieser Reise bildet das Bändchen ‚Römische Schlendertage’, das seinen Autor zu einem berühmten Mann machte. Das Büchlein erlebte zwölf Auflagen und wurde dadurch nach Goethes ‚Italienischer Reise’ zur verbreitetsten Standardlektüre deutscher Italienreisender.

 
Marschensaal: 'Die Gegenwart der Marschen' u. 'Barbarossa im Kyffhäuser'(HAG)

Das Allmers-Haus in Rechtenfleth

Aus Italien heimgekehrt ließ Allmers seit 1860 sein Haus und seinen Garten mit Hilfe seiner Künstlerfreunde völlig umgestalten. Der Wohnteil des Bauerngehöfts wurde aufgestockt und mit einem Stufengiebel versehen. Den Fassadenschmuck besorgte sein Bremer Freund, der Bildhauer Diedrich Kropp. Im Inneren schuf Allmers als Spiegel seiner Weltsicht und seines Schaffens übereinander liegend ein römisches Zimmer und den sog. Marschensaal. Während der von Arthur Fitger ausgemalte Antikensaal der Aufstellung seiner Sammlung von Abgüssen der klassischen Bildhauerei diente, ließ Allmers den darüber liegenden Saal von Heinrich von Dörnberg mit einem sechsteiligen Gemäldezyklus zur Geschichte der Nordseemarschen und von Erwin Küsthardt, Hugo Händler und Arthur Fitger mit Gemälden zur deutschen Kulturgeschichte ausstatten.

 
Der Marschensaal (HAG)

Dieser Marschensaal macht das Allmers-Haus zu einem Geschichtsschrein der Landschaften an der deutschen Nordseeküste. Zugleich stellt er die regionale Geschichte in einen bildlichen Zusammenhang mit dem gemeinsamen Erinnerungsschatz der deutschen Nation. Mit dem gesamten Umbau seines Hauses verfolgte Allmers die Absicht, seiner Heimat einen künstlerisch-historischen Bildungsort zu schaffen. Dadurch wurde es schon zu Allmers' Lebzeiten zum ersten öffentlichen Museum zwischen Elbe und Weser.

 
Das H. Allmers Haus von SW gesehen (HAG)

Als ein kostbares Künstlerhaus ist Allmers’ Tusculum bis heute in Rechtenfleth zu besichtigen, wie er es hinterließ. Das Allmers-Haus, Mittelstr. 1, 27628 Sandstedt-Rechtenfleth, wird z. Zt. an den Sonntagen von Mai bis Oktober von 13 bis 18 Uhr für Besucher geöffnet. Rückfragen hierzu bitte an This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. . Führungen mit anschl. Kaffeetafel können gegenwärtig nicht angeboten werden; eine Vermietung von Räumen für private Feiern ist ebenfalls bis auf Weiteres nicht möglich. 

Dr. Axel Behne

 
Grab der Familie Allmers auf dem Rechtenflether Friedhof, um 1900 (HAG)

Weiterführende Informationen:

H.-Allmers-Gesellschaft e.V.

Nachlass: Depositum im Archiv des Landkreises Cuxhaven in Otterndorf, enthält u.a. 11000 Stücke Korrespondenz zum kulturellen Leben in Nordwestdeutschland. 

Werke: Sämtliche Werke, I-VI (1891-1896); Werke in Auswahl, Ndr. der Ausg. v. 1965 (2000); in Einzelausgaben: Marschenbuch (1858 u. ö.; Ndr. 1979); Dichtungen (1860); Römische Schlendertage (1869, 121913); Elektra (1872); Harro Harresen (1882); Hauptmann Böse (1884); Herz und Politik (1895)

Literatur: Theodor Siebs: Hermann Allmers. Sein Leben und Dichten mit Benutzung seines Nachlasses dargestellt, 2. Aufl., Bremerhaven 1982; Innen und Aussen - Heimat und Fremde. Hermann Allmers als Modell. Beiträge einer Tagung aus Anlass des 125. Jubiläums der Männer vom Morgenstern. Heimatbund an Elb- und Wesermündung e.V. im Jahre 2007, hg. von Axel Behne, Bremerhaven 2008. Hermann Allmers: Briefwechsel mit bremischen Freunden (Briefwechsel I) i.A. der H.-Allmers-Gesellschaft, hg. v. H. G. Steimer, Bremen: Edition Temmen, erscheint im Sommer 2010.

Portraits: Mehrere Werke, u. a. von F. von Lenbach, im Allmers-Haus; zahlreiche Reproduktionen und Photos im ‚Nachlass Hermann Allmers‘ (siehe oben)

Ehrungen: Dr. phil. h. c. Univ. Heidelberg (1901);
Straßenbenennungen in Bremerhaven, Bremen, Hamburg, Oldenburg, Emden, Cuxhaven u. v. a. Orten mehr.

Bildlegende Querformat oben: Die "Gänseblümchen-Parade";, H. Vogeler, F. Overbeck, H. Müller-Brauel, F. Mackensen, O. Modersohn, H. Allmers (HAG)