Lingen - wo sich alle Wege kreuzen

Das Geld liegt unter der Straße

An Lingen kam niemand vorbei. Händler mit Fisch und Butter aus den reichen Küstenregionen begegneten hier denen, die mit ihren Metallwaren auf dem Weg von Bremen nach Flandern waren. Der Boden der Stadt birgt daher häufig Überraschungen - wie etwa die reichen Münzschätze aus dem Mittelalter, die man hier mehr zufällig fand. Oder auch Fayencen aus späterer Zeit, allesamt aus niederländischer Produktion.

 
Carl Determeyer, Rathaus von Lingen, 1960 (EL)

Aus der Asche erstanden

Das Feuer verschonte 1548 niemanden in Lingen. Aber die Stadt gab nicht auf, und noch heute erzählt das 1549 erbaute Rathaus stolz die Geschichte vom Wiederaufbau inmitten von Ruinen. Und Lingen blieb begehrt - für den Kaiser, für die Oranier aus den Niederlanden, oder auch für den Bischof von Münster, der 1672 hier unter Waffen Einzug hielt. Gestritten wurde viel um diesen wichtigen Kreuzungspunkt an zwei großen europäischen Verbindungswegen, aber stets auch verdient an der Versorgung des durchreisenden Volks.

 
Calvinistische Hausbibeln in niederländischer Sprache aus dem 18. und 19. Jh. (EL)

Nachbarschaften

Vielfalt ist hier zu Hause. Neue Herren brachten stets auch neue Bekenntnisse, und wenn sie gingen, blieben ihre Anhänger der Stadt erhalten. So führte das spanische Regiment im 16. Jahrhundert das fast vollständig protestantische Lingen zum Katholizismus zurück, die Niederländer schufen dem reformierten Bekenntnis einen dauerhaften Platz im Leben der Stadt, und das Königreich Preußen förderte das Luthertum. Drei Stadtkirchen repräsentieren noch heute das Zusammenleben der Konfessionen, das erst in jüngerer Zeit von einem Nebeneinander zu einem Miteinander wurde.

 
Jüdischer Friedhof in Lingen (EL)

Leidenswege

Die kleine jüdische Gemeinde, die im 17. Jahrhundert unter den Oraniern entstand, fand mit der Verbrennung der Synagoge unter nationalsozialistischer Verfolgung ein schreckliches Ende. Auf dem jüdischen Friedhof steht neben vielen Grabsteinen aus den letzten drei Jahrhunderten ein Gedenkstein, der von dieser Geschichte erzählt. Er erinnert an „Tante Netty", an Jeanette Herz, von deren sechs Geschwistern vier in Konzentrationslagern umkamen. Ihr Vorfahr, der Viehhändler Abraham Abraham, konnte sich als erster Jude mit einem preußischen Schutzbrief in Lingen niederlassen. Die Familie Herz mit ihrem Schlachterladen in der Wilhelmstraße, in dem „Tante Netty" arbeitete, ist typisch für die Geschichte des jüdischen Bürgertums in einer deutschen Stadt - und für ihre grausame Vernichtung.

Dr. Karl-Heinz Ziessow