Eine reglementierte Minderheit

Bereits im Mittelalter lebten Juden im Weser Ems-Gebiet. Die Vertreibungen der jüdischen Gemeinden aus dem Rheinland mag deren Ansiedlung im niedersächsischen Raum forciert haben. Wie in anderen Gebieten auch waren die im Weser-Ems-Gebiet ansässigen Juden von einer Gleichbehandlung gegenüber ihren christlichen Mitbürgern weit entfernt. Sondergesetze regelten ihre Lebenssituation: Um das Niederlassungsrecht zu erhalten, benötigten die jüdischen Familienoberhäupter vom jeweiligen Landesherrn einen „Schutzbrief“ durch den ihnen der Schutz der Person und das Wohnrecht gewährt wurde. Juden durften nur wenige Berufe ausüben, dazu zählte die Pfandleihe, der Handel, der Geldwechsel und die Hausiererei. Der Zugang zu den Handwerkerzünften und Gilden war der jüdischen Minderheit verwehrt und damit auch die Übernahme öffentlicher Ämter. Ferner war die Landwirtschaft als Erwerbszweig ausgeschlossen, da der Erwerb von Grundeigentum und Immobilien für Juden an eine besondere landesherrliche Erlaubnis gebunden war. Die jüdische Bevölkerung unterlag zudem zum Teil einer besonderen Kleiderordnung und war verpflichtet, außerordentliche Steuern zu leisten.

 
Chanukka-Leuchter (EL)

Der Dreißigjährige Krieg

Der Dreißigjährige Krieg sicherte kapitalkräftigen Juden durch den damaligen ständig wachsenden Geldbedarf der Kriegsparteien zwar einerseits ein Bleiberecht, doch es belastete sie andererseits auch in einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Die Liste ihrer finanziellen Verpflichtungen war lang. 1629 zahlten die Emder Juden (als Judenschaft) 180 Gulden Schutzgeld im Jahr, 200 Gulden torffgeld sowie etwa 2000 Gulden an diversen Verbrauchssteuern, insgesamt also 2580 Gulden. Hinzu kamen noch Mietzins, Heiratsgelder, außerordentliche Abgaben an den Landsherrn: 4 Gulden Schutzgeld pro Haushalt plus 150 Reichstaler Antrittsgeld.

 
Torazeiger, um 1900 (EL)

Juden im (Groß-)Herzogtum Oldenburg

Juden werden erstmalig urkundlich in Oldenburg 1334 erwähnt. Erst Ende des 17. Jahrhunderts lassen sich Niederlassung im größerem Umfang nachweisen. Eine kurze Periode bürgerlicher Freiheit erlebte die jüdische Minderheit während der Zugehörigkeit des Herzogtums Oldenburg zu Frankreich. In den Jahren von 1811 bis 1813 hob die liberale französische Gesetzgebung alle Beschränkungen der Niederlassung auf, so dass sich die jüdische Gemeinde vergrößerte. Jever bildete 1837 mit 175 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde im Herzogtum, gefolgt von Oldenburg mit 110 Angehörigen. Die formelle Gleichberechtigung erhielt die jüdische Minderheit erst infolge der Revolution von 1848 und der im Großherzogtum erlassenen Reichsverfassung.

 
Besominbüchse, um 1900 (EL)

Juden in der Grafschaft Bentheim

In der Grafschaft Bentheim sind seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vereinzelt Juden in Schüttorf (1667) und in Neuenhaus (1685) nachweisbar. 1694 wurden fünf Familien aufgeführt. Die Grafen handelten gegen das Einverständnis der Gemeinden, wenn sie Juden unter ihren landesherrlichen Schutz stellten. Gegen vier Taler Schutzgeld räumten sie der jüdischen Minderheit begrenzte Freiheiten ein. So durfte diese Gottesdienst feiern und war von den städtischen Abgaben befreit. 1723 lebten in der Grafschaft bereits 16 Familien.

 
Hochzeitsring, um 1900 (EL)

Juden in der Grafschaft Ostfriesland

In der Grafschaft Ostfriesland besaß die Stadt Emden das Recht, Judenschutzbriefe auszustellen. Sie gewährte der jüdischen Bevölkerung eine relativ große Bewegungsfreiheit, ein Aufenthaltsrecht von 20 Jahren und das Recht auf eigene Synagogen und Friedhöfe. Unter der restriktiven Politik Friedrich II. änderte sich dies grundlegend: Die Abgaben wurden kontinuierlich erhöht, nur der erstgeborene Sohn erhielt die Niederlassungserlaubnis, sofern er ein Vermögen von 1000 Reichstalern nachweisen konnte.

 
Chanukka-Bank, 18. Jh. (EL)

Juden in Lingen

Auch in Lingen stammen die ältesten Belege aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. In der hannoverschen Zeit nahm die Zahl der jüdischen Familien in Lingen langsam zu. 1842 waren es vier Haushalte (13 Personen). Wichtige Erwerbsfelder der Lingener Juden bildeten der Viehhandel und das Schlachten, der Rohproduktenhandel sowie der Hausierhandel über Land sowie Ladengeschäfte mit Textilwaren.

 
Perochet, 19. Jh. (EL)

Juden im münsterischen Amt Meppen

Im münsterischen Amt Meppen, das die ehemaligen Landkreise Meppen und Aschendorf-Hümmling umfasste, lebten am Anfang des 19. Jahrhunderts 13 jüdische Familien. Die Zahl der im Herzogtum Arenberg Meppen lebenden Juden wuchs 1816 bis 1842 von 159 auf 255. Juden bildeten im Weser-Ems-Gebiet bis ins 20. Jahrhundert eine Minderheit. Während des Nationalsozialismus wurden alle jüdischen Gemeinden vollständig vernichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden nur in Oldenburg und Osnabrück neue Zentren jüdischen Lebens.

Silke Hoffschulte

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