Wer durch die ostfriesischen und oldenburgischen Fehnsiedlungen kommt, gewinnt den Eindruck, an dem Lineal entlang zu fahren, mit dessen Hilfe diese Siedlungen einst auf dem Papier entworfen wurden. Es sind die damaligen Vorstellungen von Flächenkultivierung und Siedlungsplanung, schematische, regelmäßige Formen und Strukturen, die diese Landschaften so unverwechselbar machen. Im Verhältnis zu manch ostfriesischer Fehnsiedlung ist die oldenburgische Siedlung mit dem schönen Namen Elisabethfehn relativ jung. Das scheint auch der Grund dafür zu sein, dass ihr eine exakte Planung zu Grunde liegt. Die ebenso exakte Umsetzung dieser Planung ist in der Landschaft heute noch ablesbar.

 
Elisabethfehn (SDB)

Elisabethfehn liegt im Ostermoor im Norden des Landkreises Cloppenburg. Westlich dieser Siedlung fließt die Sagter Ems durch das Saterland, östlich verläuft die Soeste. Die Siedlung wurde 1880 nach Elisabeth von Sachsen-Altenburg, der Gattin des Großherzogs Nikolaus Friedrich Peter von Oldenburg, benannt. Die Wortendung –fehn weist darauf hin, dass es sich um eine Fehnsiedlung handelt. Das formgebende Element der Ansiedlung ist der Elisabethfehnkanal. Zu beiden Seiten des Kanals liegen die Häuser in einer 9 Kilometer langen Reihe wie an einer Schnur aufgereiht. Zwischen dem Kanal und der Häuserreihe verlaufen Straßen, an denen heute eindrucksvolle alte Eichen wachsen. Der Kanal, der sich wie ein Band schnurgerade bis zum Horizont erstreckt, ist nur von einigen Brücken und Schleusen unterbrochen. Wenn man dem geradlinigen Siedlungsverlauf folgt, kommt man an Häusern vorbei, die alle ähnlich aussehen. Diese ausgeprägte Regelhaftigkeit unterscheidet Elisabethfehn und auch andere Fehndörfer von den Streusiedlungen oder den Eschrandsiedlungen in den Geestgebieten dieser Region, z.B. von dem benachbarten älteren Dorf Bokelesch westlich von Elisabethfehn, das unregelmäßig und gewachsen erscheint.

 
Elisabethfehn (SDB)

Wie kam es zur Entstehung solch einer planvollen Siedlung im Hochmoor? Vor der Besiedlung dieses Landstriches war das Ostermoor eine ca. 123 km² große, baumlose, mehr oder weniger einheitliche Hochmoorfläche. Es ist nicht belegt, wann die Nutzung des Moores einsetzte. Allgemein wurden Hochmoore seit dem 13. Jahrhundert zur Brennstoffgewinnung genutzt. Vor der großflächigen Kultivierung haben die Bauern der umliegenden Dörfer an den Rändern des Ostermoores Buchweizenbrandkultur betrieben, d.h. sie haben das Moor bereichsweise abgebrannt, um Buchweizen anzubauen. Auch Torf für ihren Hausbrand haben sie gestochen. So entstanden bäuerliche Handtorfstiche, einzelne, meist quadratische oder rechteckige Kuhlen unterschiedlicher Größe – je nach Bedarf. Die Kuhlen füllten sich mit Wasser, so dass im kommenden Jahr eine neue Grube, getrennt von der vorjährigen durch einen Damm, ausgehoben wurde. Die Kuhlen blieben anschließend brach liegen. Vor der Nutzung wurden Entwässerungsgräben gezogen. Als Folge dieser Trockenlegung setzte ein Verheidungsprozess ein, eine Heidelandschaft breitete sich aus.

 
Ansichten der Moorschichten (EMM)

In Holland wurden Hochmoore bereits seit Ende des 16. Jahrhunderts planmäßiger und großflächiger durch sog. Hochmoorverfehnung genutzt. Diese Methode gelangte im 17. Jahrhundert nach Ostfriesland und Ende des 18. Jahrhunderts ins Oldenburger Land. Verfehnung bedeutet Entwässerung des Moores durch die Anlage von Kanälen, großflächiger, gewerblicher Torfabbau zur Brennstoffgewinnung sowie anschließende landwirtschaftliche Nutzung der abgebauten Flächen. Die Hochmoore wurden systematisch in eine Kulturlandschaft umgeformt und besiedelt, wobei Kanalbau und Besiedlung exakte Planungen vorausgingen.

 
Moorabbau (EMP)

Um das Moor nutzen zu können, ist zunächst seine Entwässerung notwendig, die den Torfkörper verfestigt und den Abbau erleichtert. 1854 wurde unter der Leitung von Ihmo Hayen Fimmen mit dem Bau des Hunte-Ems-Kanals begonnen, dessen Fertigstellung 40 Jahre dauerte. Der Hunte-Ems-Kanal verband die Hunte südlich von Oldenburg mit der Sagter Ems kurz vor deren Mündung in die Leda. Die Arbeiten begannen zeitgleich an beiden Anschlussflüssen. Gleichzeitig legte man an beiden Seiten des Kanals Sandwege an. Eine Teilstrecke zwischen Oldenburg und Kampe wurde zwischen 1922 und 1935 ausgebaut und ab Kampe in westlicher Richtung bis Dörpen, wo der Kanal in die Ems mündet, verlängert. Der Kanal heißt heute Küstenkanal. Der Verlauf ab Kampe in nordwestliche Richtung wurde Elisabethfehnkanal genannt.

 
Der Torfsodenstecher (EMM)

Die Entwässerung eines Moores bis zur Abbaufähigkeit des Torfes konnte – je nach Beschaffenheit – 2 bis 10 Jahre dauern. Kanalbau und Besiedlung gingen daher Hand in Hand. 1862, acht Jahre nach Beginn des Kanalbaus vergab die Oldenburgische Regierung – Elisabethfehn ist eine staatliche Fehngründung – die ersten Kolonate. Die Kolonate waren als schmale, lange Landparzellen zu beiden Seiten des Kanals angelegt, wobei die schmale Seite von etwa 90 m Breite zum Kanal lag, um jedem Siedler Zugang zur Wasserstraße zu ermöglichen. Hierauf begannen die Kolonisten, die man auch Fehntjer nennt, mit dem Torfabbau und gleichzeitig wurde der Kanal weiter gebaut, so dass sich das Fehn allmählich von Nordwesten nach Südosten in bis dahin unkultivierte Moorflächen schob. Den Torfabbau leisteten die Kolonisten von Hand. 1900, etwa 30 Jahre nach der Siedlungsgründung, hatte Elisabethfehn 594 Einwohner und 117 Häuser waren errichtet worden. Nach weiteren 30 Jahren war die Einwohnerzahl bereits auf 1551 gestiegen. Wenn der Torfabbau auf einem jüngeren Kolonat begann, war er auf einem älteren schon weiter fortgeschritten, die Abbaufläche vergrößerte sich allmählich. Für die Landschaft bedeutete die beginnende Verfehnung ein sukzessives Zerteilen einer bis dahin einheitliche Fläche. An den Rändern des Gewässers – der Moorabbau auf den Kolonaten begann jeweils an der Kanallinie – entwickelten sich vom Torfabbau durchwühlte Bereiche, die sich immer weiter von der Hauptachse entfernten.

 
Eine 'Klutenhütte' (EMM)

Viele Kolonisten errichteten zunächst einfache Unterkünfte mit Wänden und Dächern aus Torf- und Heideplaggen, die sich aus der flachen Landschaft erhoben und deren Farbe wie zur Tarnung der Umgebung glich. Sie wurden später durch rote Ziegelbauten ersetzt. Die Häuser in Elisabethfehn gehörten zum Haustyp des ostfriesischen Gulfhauses, wobei die Giebelseite mit dem Wohnteil dem Kanal zugewandt lag. Die Fehntjer durften ihre Häuser nicht irgendwo auf ihrem Kolonat errichten. Vorgeschrieben war eine Entfernung von etwa 30 m von der Kanalmitte. Die Häuser mussten außerdem parallel zum Gewässer stehen.

 
Moorplattschiff (EMP)

Der Kanal diente auch als Transport- und Verkehrsweg. Darauf verschifften die Fehntjer den Torf, den sie nicht für den eigenen Herdbrand brauchten, ins Emsland und nach Ostfriesland. Auf dem Rückweg brachten sie Schlick aus den Flüssen als Dünger für ihre Kolonate mit. Nach der Fertigstellung des Hunte-Ems-Kanals fuhren sie auch bis Oldenburg oder Wilhelmshaven. Es gab verschiedene Schiffstypen. Mutten, Poggen und Tjalken waren Segelschiffe, Schuten besaßen kein Segel. Bei Windstille wurden die Schiffe getreidelt, d.h. die Fehntjer zogen ihre Schiffe vom Ufer aus den Kanal entlang. Daher gab es zu beiden Seiten des Kanals Treidelpfade, schmale unbefestigte Fußwege. Diese Pfade sind heute verschwunden. Ebenso wie die Torfschiffe auf dem Kanal. Das Siedlungsbild Elisabethfehns war seit der Fertigstellung des Hunte-Ems-Kanals 1894 bis in die 30er Jahre der 20. Jahrhunderts stark durch regen Schiffsverkehr geprägt. Es gab am Kanal mehrere Torfwerke, die den Torf großflächig maschinell abbauten und zu Presstorf verarbeiteten. Zwischen 1905 und 1990 wurde eine Torfkoksfabrik betrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte der Handelsschiffsverkehr kaum eine Rolle mehr. Ein historisches Torfschiff kann heute im Moor- und Fehnmuseum Elisabethfehn besichtigt werden.

 
Elisabethfehn (SDB)

Die Kultivierung des Ostermoors durch Verfehnung geschah, um die Energieressource Torf zu gewinnen und einen Verkehrsweg von Oldenburg nach Ostfriesland einzurichten, aber auch, um bis dahin brach liegende Flächen landwirtschaftlich zu nutzen. Nachdem der Torf abgegraben und verkauft war, kultivierten die Fehntjer die Flächen. Hierfür wurde die obere Weißtorfschicht mit Schlick und Dünger auf den Kolonaten ausgebracht und mit dem mineralischen Boden vermischt. Heute erstrecken sich die langen schmalen Landparzellen, die auch Fehnhufen genannt werden, nach wie vor nebeneinander hinter der Häuserreihe. Insbesondere im Nordwesten von Elisabethfehn sind die Fehnhufen, die heute als Grünland genutzt werden, noch sehr schön erkennbar. Die Hochmoorlandschaft wurde durch den Menschen in eine Fehnsiedlung mit Torfgewerbe, später mit landwirtschaftlicher Nutzung umgewandelt. Elisabethfehn ist heute eine Wohnsiedlung, Merkmale für landwirtschaftliche Nutzung sind auf den Grundstücken kaum vorhanden. Den Kanal befahren heute vorwiegend Freizeitschiffer. Hat in den nahegelegenen Fehndörfern – beispielsweise Westrhauderfehn oder Ostrhauderfehn – eine starke Auflösung des Fehncharakters durch flächenhafte Bebauung statt gefunden, so ist in Elisabethfehn hingegen die typische einreihige Siedlungsstruktur nahezu unverändert erhalten gebleiben.

Sandra Dannebeck
Museumsdorf Cloppenburg
Projekt historische Kulturlandschaften