"Meine Arbeit ist mein Lebensinhalt" sagte der in Berlin lebende Bildhauer Paul Dierkes in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Oldenburger Kunstpreises im Jahre 1968. Unerwartet verstarb der vielseitige und arbeitsame Künstler nur wenige Tage später auf der Höhe seines Schaffens im Alter von nur 61 Jahren. Er wurde auf dem Dahlemer Friedhof in Berlin beigesetzt. Sein Leben lang nahm Paul Dierkes diese Aussage sehr wörtlich und er hinterließ ein umfangreiches Œuvre an Skulpturen und Grafiken. Drei Jahre nach seinem Tod übernahm das Museumsdorf Cloppenburg den umfangreichen künstlerischen Nachlass und die Paul Dierkes Stiftung wurde gegründet. Aufgabe war die Erhaltung des Andenkens und des künstlerischen Erbes von rund 200 Skulpturen, über 1600 Grafiken und persönlichen Dokumenten. Heute ist Dierkes nur wenigen Kunstexperten ein Begriff und ebenso wenigen ist bekannt, dass er insbesondere in seiner Geburtsstadt Cloppenburg mit zahlreichen Skulpturen vertreten ist und Werke geschaffen hat, die sogar bundesweit zu sehen sind. Der Oldenburger Kunstkritiker Dr. Jürgen Weichardt schreibt über ihn, dass er „einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer der Nachkriegszeit gewesen“ sei und in der Tat nannte die zeitgenössische Presse ihn in einem Atemzug mit den großen Künstlern Gerhard Marcks, Werner Gilles, Richard Scheibe und Renée Sintenis, einer Künstlerin mit der er die Leidenschaft für Tierdarstellungen teilte.

 
Dierkes bei der Arbeit für das Eisbärgehege im Zoologischen Garten Berlin, 1961

Materialien mit Lebensgeschichte

Große Berühmtheit zu erlangen war nicht Dierkes‘ Ziel und passend dazu zog es den menschenscheuen Künstler immer wieder hinaus aus den Städten in die Natur. Sein Lebensmittelpunkt verlagerte er 1947 nach Groß-Glienecke, einem sehr naturnahen Ort, und später sogar in die Berge nach Tirol. Zu Anfang seiner Künstlertätigkeit beschäftigte er sich intensiv mit der Darstellung des Menschen, obwohl sich aus vielen Tagebucheinträgen, Notizen und niedergeschriebenen Gedanken entnehmen lässt, dass für ihn die Darstellung von Natur und besonders von Tieren über der von Menschen stand. Schon in den 1930ern konnte Dierkes sich auf sein durch Naturbeobachtungen und Reisen geschultes Auge verlassen und schuf nicht nur die ersten Tierplastiken, sondern auch filigrane Zeichnungen. Auch die Materialien mit denen er am liebsten arbeitete entstammten der Natur. Stein und Holz, am besten mit einer Lebensgeschichte verbunden. Ein Holzstück aus einem Deckenbalken eines alten Hauses, ein Stein, den er selbst in einem Steinbruch herausgeschlagen hat. Ebenso war es ihm immer wichtig, Kunst für den öffentlichen Raum zu schaffen, die neben ästhetischen auch praktischen Zwecken diente. Kunst nur der Kunst willen war nicht seine Sache was sich in seinem Schaffen wiederspiegelt. „Das große Geheimnis der Natur“.

 
Prof. Cauer mit seinen Schülern bei einem Ausflug, um 1929 (P. Dierkes oben rechts)

"Das große Geheimis der Natur"

Am 4. August 1907 wurde Paul Dierkes als viertes von fünf Geschwistern in Cloppenburg geboren. 1922 trat er wie seine beiden älteren Brüder in die Fußstapfen seines Vaters Clemens Dierkes und begann eine Lehre als Steinmetz. Statt im Anschluss die traditionellen Wanderjahre folgen zu lassen, entschloss sich Dierkes gegen den Willen des Vaters zu einem Studium der Bildhauerei. Er ging zunächst nach Osnabrück, Elberfeld und Düsseldorf. 1929 kam er an die Königsberger Kunsthochschule in die Klasse des bekannten Professors Stanislaus Cauer, der seine Schüler mit Exkursionen in die nahe gelegenen Landschaften des Kurischen Haff zu inspirieren hoffte. Impressionen wie diese verarbeitete Dierkes in zahlreichen Werken und hier verstärkte sich seine Priorität für das Thema Natur, Landschaft und Tier, welche er sein ganzes Leben lang wörtlich und künstlerisch ausdrückte. Verstärkt widmete er sich seinen beliebten Pferdemotiven, nicht umsonst wurde Dierkes in seiner Heimatstadt liebevoll „Pferde-Dierkes“ genannt.

 
Handzeichnungen mit Pferdemotiven, Ende 1940er Jahre