„Den 12. Oktober 1841 ward ein gewisser Mann, der angeblich Dilly geheißen hat und aus Sachsen gebürtig und Maler gewesen sein soll, nachdem er am 10. Oktober gegen Abend auf dem Heerweg tot gefunden worden, auf dem Kirchhof allhier in Bangstede begraben. Er soll zwischen 60 und 70 Jahre alt gewesen sein.“1

 
Kreisphysicus Doctor Eismann in Westerstede, um 1827  (3)  

Geboren wurde Johann Caspar Dilly am 29. Oktober 1767 als drittes Kind von Anna Maria und Wilhelm Diehl in Bonn. Sein Vater war wahrscheinlich am Hof Brühl/Bonn beschäftigt. Mit fünf Jahren zog Dilly mit seinen Eltern von Bonn nach Mainz. Über seine Jugend- und Lehrzeit ist nichts bekannt. Man weiß, aufgrund gesicherte zugeschriebene Scherenschnitte, dass er von Mainz über die Region Ravensberg, Bielefeld, Osnabrück schließlich 1815 nach Essen in das Oldenburger Münsterland kam. Dort heiratete er mit 48 Jahren die 25-jährige Anna Margaretha Hollrah. Das Paar zog mit dem drei Monate später geborenem Sohn Johann Hermann Wernhard in ein Heuerlinghaus (Altenteiler) in Hollrah in der Löninger Bauerschaft Winkum.

 
Bauer und Deichgraf Dieken im Heinitzpolder, Reiderland, 15.05.1839 (4)

Der „Wanderkünstler“ Johann Caspar Dilly

Bis zu seinem Tod am 10. Oktober 1841 in Bangstede, Landkreis Aurich baute sich Dilly einen großen Kundenkreis zwischen Osnabrück und Ostfriesland auf. Um Auftraggeber für seine Scherenschnitte zu bekommen, musste Dilly zu ihnen reisen, weil er sie zumeist in ihrer häuslichen Umgebung abbilden sollte. Da er seine Werke zumeist mit genauem Datum und Ort versah, kann man seine einzelnen Reisestationen genau nachzeichnen. Er konzentrierte sich vor allem auf Ostfriesland, dem Artland und das Oldenburger Münsterland. Da sich nur ein kleiner Teil seiner Werke erhalten hat, lassen sich über das Umfang seines Gesamtwerkes nur Vermutungen anstellen. Geht man davon aus, dass er von 1815 bis zu seinem Tod ca. 24 Bilder pro Jahr fertigte, kommt man auf über 600 Werke.2 

 
Totengedenkbild. Familie des Pastors Jacobus Fegter in Grimersum, 2.4.1839 (5)

Scherenschnitt und Silhouette

Die Entwicklung des Scherenschnitts begann in Europa im 17. Jahrhundert und erfreute sich vor allem im späten 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit. Die sog. Porträtsilhouette wurde zu einem Massenmedium, die erst mit der Fotografie an Bedeutung verlor. Der Begriff Silhouette leitet sich von dem Finanzminister König Ludwig XV Étienne de Silhouette ab, der auf Grund seiner drastischen Sparmaßnahmen in Ungnade fiel und sich auf sein Schloss zurückzog, wo er nur noch ein „Schattendasein“ und angeblich aus Geiz keine Gemälde sondern Scherenschnitte aufhängte. Bei der Silhouette reduzierte man die Abbildung auf einen schattenhaften Umriss, der aber die charakteristischen äußerlichen Merkmale des Portraitierten festhält.3

 
Trinche Fegter, verh. Schmidt, um 1840 (6)

Nicht nur in den europäischen Zentren erfreutes sich die Silhouetten größter Beliebtheit, sondern auch in den ländlichen Regionen fanden sie einen großen Kundenkreis. Wofür zahlreiche Anzeigen in der regionalen Presse sprechen und damit belegen wie groß die Konkurrenz für Dilly war:

„Der Silhouetteur Schleiper, aus Minden, beym gastwirth zur Loye, verfertiget Silhouetten nach einer neuen Art, in völliger Figur, oder Bruststück, so groß oder klein als manwill, ähnlich, in angemessener Stellung, mit illumnirter Verzierung. Er macht auch Silhoutetten zu Pferde, und ganze Gesellschaften in einem Stück. Auch gibt er Unterricht in dieser Kunst in wenigen Stunden. Sein Aufenthalt hieselbst ist nur noch 8 Tage.“4

„Der Silhouettier Meyer ist hier wieder angekommen und wird nur noch 8 Tage hieselbst verweilen. Der Preis des Ausschneidens ist 6 und 12 Gr Gold. Sein Logis ist bey Willers [in Oldenburg] an der Haarenstraße.“ 5

„Ich empfehle mich den hohen Herrchaften und einem verehrten Publicum im Silhouettiren auf Glas in Gold radirt und bürge, für die Aehnlichkeit. Der Preis einer jeden Silhouette, ohne Rahmen ist 1 Rthlr. Gold.“ 6

 
Silhouettierstuhl  (7)

Technik zur Herstellung von Silhouetten

Es gibt verschiedene Techniken, um Silhouetten herzustellen. Vom schlichten „mechanischen Abschatten an der Wand“, zum „Silhouettierbrett“ und dem „Silhouttierrahmen“, wobei man ölgetränktes Papier in einem Rahmen spannte und so den Schatten nachzeichnen konnte bis zum Silhouttierstuhl, bei dem der Portraitierende auf einem Stuhl sitzt, an dem seitlich ein mit Papier gespannter Rahmen befestigt ist, vor dem der Silhouetteur sitzt und direkt die Konturen zeichnet. Um das Original zu verkleinern, benutzten einige Silhoutteure den sog. „Stochschnabel“, einem „Verjüngerungszirkel“. Nicht alle Silhoutteure verwendeten mechanische Hilfsmittel, sondern einige schnitten „mit freier Hand“.7

 
Eylt Doeden Fegter aus Grimersum und Antje Janßen-Schmidt (8)

Die „Dilly-Technik“

Auch Dilly bediente sich wahrscheinlich keiner mechanischer Hilfsmittel, das zeigen erhaltenen Duplikate, die beim Übereinanderlegen nicht deckungsgleich sind. Je nach Kundenwunsch fertigte er dabei die „klassischen“ schwarzen, aber auch die „volkstümlichen“ bunten Silhouetten an. Um die Bilder „zu beleben“ und besondere Bildbereiche wie das Gesicht, Accessoires oder besondere Gegenstände hervorzuheben, gestaltete Dilly mit Hilfe einer Nadel die Rückseite reliefartig. Diese Technik verlangte von ihm seitenverkehrt zu arbeiten. Die Wirkung verstärkte er noch durch „Binnenschnitte“ und „Binnenzeichnungen“ sowie durch Hinterlegen mit farbigem Papier, das er aber aus Kostengründen äußerst sparsam gebrauchte. So schnitt er Personen nicht in einem Schnitt, sondern setzte sie aus mehreren Teilen zusammen, um Verschnitt zu vermeiden. Dabei klebte er aber auch mehrere Lagen übereinander, um besondere Akzente zu setzen.8

 
Familie des Kapitäns in Fahne bei Westerende-Kichloog, 1834 (9)

Dilly, der „freihandschneidender Silhouetteur“

Bei entsprechender Entlohnung bemühte sich Dilly um „fotografisch getreue“ Darstellung, so wandte er auf die Wiedergabe von Einrichtungsgegenständen wie z.B Stubenöfen große Mühe, jedes Ornament, jede Klappe und Nische sind bis ins Detail festgehalten. Beim Wandspiegel arbeitete er sogar „Materialkonform“, indem er bei seinen Silhouetten echtes Spiegelglas einsetzte. Genauso bemühte er sich bei den Außen- und Innenaufnahmen um einen perspektivischen Bildaufbau. Dies ist genauso charakteristisch für seine Arbeit wie die Kombination von Silhouette und Malerei, die in seinem „Spätwerk“ immer mehr an Bedeutung gewinnt, um dem Zeitgeschmack entgegen zu kommen.9

 
 Familie des Kleinlandwirts Jostema in Logabirum, 28.10.1829 (10)

Dilly als Bilddokumentar des ländlichen Biedermeiers

Neben Portraits gehörten vor allem Familienszenen wie Feierlichkeiten, aber auch „alltägliche“ Stuben- und Gartenszenen zu seinen bevorzugten Sujets, bei deren Darstellung er großen Wert auf „Natürlichkeit“ legte. Sie sind in ihrer Detailtreue aussagekräftige Dokumente ihrer Zeit und geben damit Aufschluss über die regionale Wohn- und Kleidungskultur der ländlichen Oberschicht und die „zahlreichen Familienbilder des Caspar Dilly, besonders die aus Ostfriesland, sind eindrucksvolle Belege für die bis tief in den ländlichen Raum, selbst bei groß- und kleinbäuerlichen Familien, vorgedrungene neue biedermeierliche Familien-Idee und Familien-Idylle“10

Christina Hemken

Anmerkungen

(1) Im Kirchenbuch der ostfriesischen Kirche zu Bangstede (Landkreis Aurich), 1841 finden sich unter der Rubrik „Anno 1841. Gestorbene männliche Geschlechts..... In: Ottenjann, 1998, S. 18
(2) Ottenjann, 1998, S. 26
(3) Vgl. Deutscher Scherenschnittverein e.V. (http://www.scherenschnitt.org)
(4) Oldenburgischen Wöchentlichen Anzeigen, 8.10.1792
(5) Oldenburgischen Wöchentlichen Anzeigen, 15.11.1821. In: Ottenjann, 1998, S. 26
(6) Oldenburgischen Wöchentlichen Anzeigen, 17.8.1831. In: Ottenjann, 1998, S. 27
(7)"Silhouettierstuhl", nach Kippenberg. In: Ottenjann, 1984, S. 12.
(8) Vgl. Ottenjann, 1998, S. 29
(9) Vgl. Ottenjann, 1998, S. 39
(10) Ottenjann, 1998, S. 15

Abbildungsverzeichnis:

(1) Caspar Dilly: Eylt Doeden Fegter aus Grimersum und Antje Janßen-Schmidt, 1839. In: Ottenjann, 1984, S. 98f.
(2) Caspar Dilly: Familie des Bauern Riekena im ostfriesischen Freepsum, 20.08.1836. In: Ziessow, 2014, S. 6f.
(3) Caspar Dilly: Kreisphysicus Doctor Eismann in Westerstede, um 1827. In: Ottenjann, 1998, S. 121.
(4) Caspar Dilly: Bauer und Deichgraf Dieken im Heinitzpolder, Reiderland, 15.05.1839. In: Ottenjann, 1998, S. 165.
(5) Caspar Dilly: Totengedenkbild. Familie des Pastors Jacobus Fegter in Grimersum, 2.4.1839. In: Ottenjann, 1998, S. 160f.
(6) Caspar Dilly: Trinche Fegter, verh. Schmidt, um 1840. In: Ottenjann, 1998, S. 67.
(7) "Silhouettierstuhl", nach Kippenberg. In: Ottenjann, 1984, S. 12.
(8) Caspar Dilly: Eylt Doeden Fegter aus Grimersum und Antje Janßen-Schmidt, 1839. In: Ottenjann, 1984, S. 98f.
(9) Caspar Dilly: Familie des Kapitäns in Fahne bei Westerende-Kichloog, 1834. In: Ottenjann, 1998, S. 140f.
(10) Caspar Dilly: Familie des Kleinlandwirts Jostema in Logabirum, 28.10.1829. In: Ottenjann, 1998, S. 136f.

Literatur

Biesalski, Ernst: Scherenschnitt und Schattenrisse. Kleine Geschichte der Silhouettenkunst. Callwey Verlag, München 1964
Ottenjann, Helmut: Lebensbilder aus dem ländlichen Biedermeier. Sonntagskleidung auf dem Lande. Die Scherenschnitte des Silhouetteurs Dilly aus dem nordwestlichen Niedersachsen. Hildesheim 1984
Ottenjann, Helmut: Der Silhouetteur Caspar Dilly aus Löningen. Familienbilder der Landbevölkerung 1805–1841. Heimatbund für das Oldenburger Münsterland, Die Blaue Reihe, Heft 3. Cloppenburg 1998
Ziessow, Karl-Heinz: Pflanzenwelten im ländlichen Biedermeiergarten. Museumsdorf Cloppenburg 2014
Deutscher Scherenschnittverein e.V. http://www.scherenschnitt.org/