Janssen gehört in Deutschland zu den bedeutendsten Künstlern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er hat die Kunst der Zeichnung in eine Höhe und so in die Breite geführt, dass es beispiellos ist. Sein Werk besteht ganz überwiegend aus Arbeiten auf Papier, unter denen neben Holzschnitt und Lithografie mit weit über 2.000 Platten die Radierung eine herausragende Stellung einnimmt. (...)

 
Horst Janssen: Plakate-Oldenburg, 6. Juli 1978 (HJM)

Horst Janssen wurde am 14. November 1929 – auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise - in Hamburg geboren und wuchs bei seiner ledigen Mutter und mehr noch bei seinem Großvater, dem Schneidermeister Fritz Janßen, in Oldenburg auf. Beide starben als Horst neun bzw. 13 Jahre alt war an TBC, der Volksseuche und Armutskrankheit schlechthin. Deshalb war er als Schüler auf eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt, auf die Napola in Haselünne, gekommen. Am Ende des Krieges hat es ihn dann nach Hamburg verschlagen, zu seiner Tante Anna, der Schwester seiner Mutter, die auch seine Adoptivmutter wurde. In Hamburg ist er noch einmal zur Schule gegangen, zur Landeskunstschule am Lerchenfeld, wo Alfred Mahlau sein Lehrer war. Im Hamburg hat Janssen dann 50 Jahre gelebt und gearbeitet. Seine ersten Erfolge hatte er 1957/58 mit Farbholzschnitten und großformatigen Radierungen. Nach dem Wiederanschluss Deutschlands an die internationale Kunstszene und einer jahrelangen Vorherrschaft informeller und gegenstandsloser Kunst ging Ende der 50er Jahre von Hamburg die „Neue Figuration“ aus, deren bahnbrechender Wegbereiter - neben Paul Wunderlich - Janssen war.

 
Horst Janssen, 50er Jahre (HJM)

Die 60er Jahre brachten ihm den zweifelhaften Ruhm eines rauf- und sauffreudigen Zeichengenies ein, den er nie wieder ganz los wurde. In Erfüllung aller von ihm provozierten und von der besseren Hamburger Gesellschaft beargwöhnten Erwartungen schloss Janssen die Epoche seiner ebenso minutiösen wie maliziösen Feinstrichzeichnungen 1968 mit dem Grafikpreis der Biennale in Venedig ab. Er hat das morbide und lüsterne Fin de Siècle mit dem spitzen Blei- und Buntstift herausgefordert. In wenigen Jahren hatte er ein Lebenswerk vollendet, das mit der Spannkraft seiner tausend und abertausend an- und abschwellenden Strichlagen nicht zu überbieten war - auch nicht von ihm selbst.

 
Horst Janssen: Welkome, 1964 (HJM)

1970 zeichnete ein anderer Janssen nach der Natur und den Meistern der Vergangenheit. Er machte das von keiner “Denkelei” getrübte, unverbildete Kucken zum Leitfaden seiner restlosen Verausgabung an Natur und Geschichte. Das unvoreingenommene Kucken versammelt die Welt im Auge. “Ich bin nur ganz Auge.” Anlässe und Motive für eine Zeichnung gibt es so viele, wie es Leidenschaften gibt, die sich in eine Landschaft, in ein Stillleben, in das Drama des eigenen oder eines anderen Gesichtes verwandeln. Aber das Wesen der Zeichnung bleibt von solchen Anlässen und Motiven unberührt. “Es sind nur Steigerungen ein- und derselben Sache: Der Erscheinung. Und dieser Schein ist der Gegenstand der Zeichnung”, wie Janssen schreibt.
Welt- und Selbstverliebtheit schließen sich nicht aus. So ist es kein Wunder, dass Janssen früh auf sich selbst stoßen musste, auf das Selbstbildnis, die Selbstdarstellung, die Selbstinszenierung. Doch bevor die zuständigen Fachleute ihm das Selbst als Etikett aufkleben und seinen Fall in der Schublade für monomane Ich-Besessenheit zur Ablage bringen konnten, verfiel er seinerseits darauf, dass das sein Thema ist, das es in immer neuen Abwandlungen zu verfolgen gilt. Er musste nur aus sich herausgehen und in seiner Person noch einmal Welt und Geschichte durchqueren.

 
Horst Janssen, 1980 (HJM)

Als er Anfang der 70er Jahre damit begann, waren gerade Pop-art, Op-art und Concept-art zu ganz anderen Ufern aufgebrochen. Janssen arbeitete nach der Natur - nicht naturalistisch. Er arbeitete nach den großen Meistern, wie Hokusai, wie Goya und wie Füssli und vielen anderen, selbst meisterlich. Ob Blume, Stillleben, Figürliches, Erotisches, ob Landschaft oder Vedute, Porträt oder Carnevale - Janssen zeichnete sich in jede dieser Welten hinein und aus jeder Krise heraus. Denn Krisen liegen wie Abgründe zwischen diesen Ausschließlichkeiten.
An die verschiedenen Welten gab er sich jedes Mal mit solcher Intensität aus, wie das unter den Künstlern seiner Tage ganz ohne Beispiel war. Janssen wurde im Laufe der 70er Jahre zur Ausnahme. Seine Ausnahmestellung verteidigte er eifersüchtig, indem er sich den Trends und Ismen verweigerte. Endgültig abgekoppelt von der Avantgarde und umgetrieben von der Vielseitigkeit seines Metiers, das er wie kein anderer beherrschte, saß er seiner Zeit ebenso im Nacken, wie er ihr voraus sprang - ein zwischen Tradition und Moderne irrlichternder Kobold.

 
Horst Janssen: 'B...' Birgit

Diese Rolle baute er in den 80er Jahren zu einem Set von Rollen aus, als er immer mehr zu schreiben begann und der Schriftsteller gleichberechtigt und ebenbürtig neben den Zeichner trat. Mitteleuropa drohte zum Schauplatz eines neuen Weltkrieges zu werden. Die Rüstungsspirale spitzte sich gefährlich zu. Janssen reagierte heftig auf die Nachrüstungsdebatte. Geboren im Jahr der Weltwirtschaftskrise, aufgewachsen unter Adolf Hitler, die längste Zeit gelebt und gearbeitet in den Jahren der Teilung Europas, immer in Sorge davor, dass von beiderseits der Elbe zwischen Hamburg und Dresden ein Dritter Weltkrieg mit seinem atomaren Overkill ausgehen könnte, hat Janssen die Botschaft beherzigt: Der Tod ist ein Meister aus Deutschland! Er griff den mittelalterlichen Totentanz wieder auf und entfesselte regelrecht eine Gerippewut. Er zeichnete Skelett auf Skelett und ließ den Tod tanzen - den aberwitzig in das Leben verliebten Tod. Diesen Wahnsinn auszuloten und das da hineinverstrickte Ich über seine Grenzen hinaus zu treiben, nahm er den Versuch wieder auf, seine Autobiografie fortzuschreiben, von der er zwei Bände in diesen 80er Jahren vollendete.

 
 
Horst Janssen, 1972 (HJM)

Der 19. Mai 1990 bildet eine schmerzliche Zäsur. Janssen stürzt mit seinem Balkon ab und mit ihm Wannen voll Säure zum Radieren. Er trägt eine beidseitige Hornhautverätzung davon und wird vorübergehend blind. Die Rückkehr in eine nie gesehene Farbigkeit, in lichthelle Aquarelle düsterer Landschaften schlägt den Bogen zurück zu dem “Immer-Zeichner”, als der sich Janssen zuletzt verstand. Er ist der ruhelose Mensch, der ein Leben lang der “schrecklichen Lust des Auges” gefolgt ist und alles wie in einem Tagebuch aufgezeichnet hat.

 
 
Horst Janssen: Katze blau, 1961 (HJM)

Janssen ist der nordische Künstler par excellence, der in der Tradition der deutschen Renaissance steht, als sie sich mit Dürer, Grünewald und anderen von der mittelalterlichen Gotik befreite. Den prägnanten, detailversessenen Strich wird die deutsche Kunst nicht wieder verlieren. In der Romantik scheint er als ein versponnenes, feinnerviges Lineament auf dem Papier gleichsam zu schweben, um dann im Expressionismus, der ganz und gar deutsch ist, desto kantiger, zupackender und ausdrucksstärker wieder zurückzukehren. In dieser Nachfolge befindet sich Janssen, wenn er auch nicht mehr wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts der Moderne zum Durchbruch verhelfen muss. Die Moderne hat das zeichnende und das gezeichnete Ich nicht zum Verschwinden gebracht. Im Gegenteil, sie treibt es eher hervor. Dieses flüchtige Erdenleben will aufgezeichnet sein. Die Zeichnung hält fest, was in der Zeit zu entschwinden droht. Janssen - das sind noch einmal die abendländischen Themen im Lichte ihrer Vergänglichkeit. (…) Am 31. August 1995 starb Horst Janssen in Hamburg an den Folgen eines Schlaganfalls.

Stefan Blessin

Horst-Janssen-Museum
Am Stadtmuseum 4-8
26121 Oldenburg
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Öffnungszeiten:
Di. - So. 10.00 - 18.00 Uhr