Als Karl Jaspers 1937 das Entlassungsschreiben der Universität Heidelberg in Händen hielt, schien nicht nur seine Laufbahn als Philosophieprofessor vernichtet. Unter keinen Umständen hätte er sich von Gertrud, seiner jüdischen Frau, scheiden lassen. Um einer Verhaftung durch die Nazis zuvorzukommen, hatte sich das Ehepaar Zyankali beschafft. Acht Jahre mussten sie auf die Befreiung von diesem Druck warten. Dann gehörte Jaspers, der dem Nazi-Regime nichts als Verachtung entgegengebracht hatte, zu den ersten Hochschullehrern, die von den Amerikanern wieder in ihre alte Stellung gesetzt wurden. Für ihn aber lag darin keine Perspektive, er vermisste die konsequente »moralische-politische Umkehr« und sah schon bald seinen Einfluss in Heidelberg schwinden. Enttäuscht nahm er 1948 den Ruf an die Universität Basel an und verfolgte von dort die Entwicklung des neuen Deutschlands – und das mit großer Skepsis.

 
Elternhaus in der Moltkestraße (CH)

Karl Jaspers wurde am 23. Februar 1883 in Oldenburg geboren. Sein Vater, der Bankier Carl Wilhelm Jaspers, stammt aus dem Jeverland, seine Mutter, Henriette Jaspers geb. Tantzen, aus Butjadingen. Der Urgroßvater väterlicherseits war während der französischen Besatzung Bürgermeister in Jever und Mitinhaber des bremischen Außenhandelshauses Delius und Co. Das beträchtliche Vermögen, zum Teil während der Kontinentalsperre durch Schmuggel erworben, zerrann bereits in der nächsten Generation. Der Großvater, ein allzu freigebiger Mann, errichtete vom Erbe in Jever ein herrschaftliches Anwesen - für den Jungen der Inbegriff von Pracht und Vornehmheit.

 
Haus der Großeltern (Priv)

Heering bei Abbehausen, heute ein Stadtteil Nordenhams, wo die Großeltern mütterlicherseits einen großen Bauernhof besaßen, war für das Kind »eine unerschöpfliche Welt«. Es ging patriarchalisch zu im Hause der Tantzens. Dabei herrschte ein weltoffener und liberaler Geist. Der Großvater Theodor Johann war Mitglied des Oldenburgischen Landtags. Sein Sohn Theodor, der jüngste Bruder von Jaspers Mutter, war erster Ministerpräsident des Freistaates Oldenburg. Im Vergleich zu den Welten der Großeltern erschien Jaspers die Stadt Oldenburg wenig attraktiv und öde. Die »regelmäßigen Besuche bei beiden Großeltern und vor allem die unnennbare Atmosphäre des seelenlos werdenden modernen Stadtlebens (…) ließen ein unbedingtes Heimatgefühl nicht entstehen. (…) Die Stimmung grauen Regens, trüber Scheiben, die Bilder von schlecht riechenden Schutthaufen, verwahrlosten Bauplätzen gehörten zur Stadt. Der Schmuck war absichtsvoll und steif«. Heimat war ihm eher die Landschaft, die Weite der Marschen: »Nichts als Himmel, Horizont und ein Ort, wo ich stehe. Der Himmel offen nach allen Seiten.« Sie erinnerte ihn an die Weite, die Unendlichkeit des Meeres.»Die Unendlichkeit habe ich damals unreflektiert erfahren. Seitdem ist mir das Meer wie der selbstverständliche Hintergrund des Lebens überhaupt. Das Meer ist die anschauliche Gegenwart des Unendlichen«.

 
Familienbild mit Erna, Karl, Mutter Henriette, Vater Carl Wilhelm, Enno Jaspers (Aufnahme J. B. Feilner)  (UnivOl)

Rückhaltlos geborgen fühlte Jaspers sich bei seinen Eltern. »Denke ich an meine Eltern, so ist mir anders zumute als bei Menschen sonst: Ich fühle die größte Nähe, als ob ich von mir selbst spräche; denn ich finde alles in mir wieder, wenn auch oft schwächer und unentschiedener, was ich in meinen Eltern sehe.«. Jaspers beschreibt seine Mutter als temperamentvolle, lebenskluge und aufgeschlossene Frau, die ihren ruhigen und bedächtigen Mann ideal ergänzte. Sie war für alles aufgeschlossen, spielte Klavier und versuchte sich im Alter auch an den Schriften ihres Sohnes.

 
'Alte Gymnasium' (CH)

»Geist der Opposition«

Am Gymnasium, das Jaspers von 1892 bis 1901 besuchte, wehte ein anderer Wind. In dem »etwas kitschige(n), mit gotischen Reminiszenzen versehene(n)« Schulgebäude am Theaterwall spürte er »den unwahrhaftigen Geist des Ganzen«. Inkarnation dieses Geistes war für Jaspers der Direktor Steinvorth. Um den »Geist der Opposition« von der Schule zu vertreiben, drohte er dem Obersekundaner mit dem Ausschluss – eine Auseinandersetzung, die Jaspers als »ersten auf das Ganze gehenden Daseinskonflikt« erlebte. Ein Konflikt anderer Art ergab sich in der Unterprima. Am Alten Gymnasium gab und gibt es noch heute Schülerverbindungen. Damals waren es drei, nach Reichtum und Rang der Eltern gestaffelt: Jaspers blieb renitent: »Ich erklärte, dass ich in keine Verbindung eintreten wolle, da ich die Rangordnung der Vornehmheit nach äußeren Merkmalen des Standes nicht anerkenne, das Kneipen als unwürdig empfinde und die ganze Wichtigtuerei mir verhaßt sei.« Die Konsequenz: Nicht nur die Obrigkeit, auch die Schulkameraden grenzten den eigensinnigen Mitschüler aus. Die Konflikte mit Steinvorth kulminierten. Zum Abschied gab er dem Abiturienten mit auf den Weg: »Aus Ihnen kann ja nichts werden, Sie sind organisch krank«.

 
Karl Jaspers auf Wangerooge, 1927 (UnivOl)

In einem Punkt irrte er nicht. Jaspers litt von Kindheit an unter schweren Hustenanfällen und war anfällig für alle möglichen Infektionskrankheiten. Im Alter von 18 Jahren erfuhr er bei einem Aufenthalt in Badenweiler, dass er unheilbar erkrankt war. Diagnose: angeborene Bronchiektasen mit sekundärer Herzinsuffizienz und begrenzter Lebenserwartung. Krankheit als Schicksal: Das bedeutete die Notwendigkeit einer streng disziplinierten Lebensführung, Askese, die sein Leben beschränkte, aber Jaspers auch sensibilisierte und zu seiner Formulierung der »Grenzsituationen« beitrug. In Grenzsituationen wird einem »der Boden unter den Füßen weggezogen«, sie werfen Fragen nach Dasein und Sinn auf.

 
Karl Jaspers als Student (UnivOl)

Ende 1901 nahm Jaspers in Heidelberg das Studium auf. Zunächst studierte er Jura, entschied sich aber nach einem Kuraufenthalt im Engadin für Medizin, die er in Berlin, Göttingen und schließlich Heidelberg studierte. Die Semesterferien führten ihn immer wieder zurück nach Oldenburg. 1908 promovierte Jaspers über »Heimweh und Verbrechen«, wurde Volontärassistent an der Psychiatrischen Universitätsklinik und habilitierte sich 1913 in Psychologie mit dem Werk »Allgemeine Psychopathologie« – ein bis heute bedeutsames Lehrbuch, das den Begriff des »einfühlenden Verstehens« einführte und die Psychopathologie hermeneutisch begründete. 1916 wurde er zum außerordentlichen Professor ernannt. Rückblickend entdeckt Jaspers: »Meine Psychologie hatte in weitem Umfang, mir unbewußt, den Charakter dessen angenommen, was ich in der Folge 'Existenzerhellung' nannte.«

 
Karl, Enno und Erna Jaspers, undat. (UnivOl)

In der Zwischenzeit hatte Jaspers Gertrud Mayer, eine Tochter aus orthodox-jüdischem Elternhaus, kennengelernt und 1910 geheiratet. »Ohne sie wäre meine Philosophie nicht geworden, was sie ist.« Die gelungene Beziehung mag Pate gestanden haben für das dialogische Prinzip der Kommunikation – Kriterium von Freiheit und tragender Pfeiler seiner Philosophie.

 
 Karl Jaspers in Heidelberg (Copyright: Universität Heidelberg/Reinhardt; UnivOl)

Unter dem Eindruck von Søren Kierkegaard wandte sich Jaspers mehr und mehr der Philosophie zu und wurde neben Heidegger, seinem Weggefährten und Kontrahenten, zum bedeutendsten deutschen Existenzphilosophen. 1922 übernahm er – als Dr. med. und philosophischer Autodidakt – gegen heftige professorale Widerstände den zweiten Lehrstuhl für Philosophie in Heidelberg. Gadamer, sein Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Philosophie in Heidelberg, fand Jaspers’ »menschlich gebundene(n) Stil des Philosophierens« bemerkenswert. Er habe der Metaphysik einen weiten, unakademischen Sinn gegeben. Zu den vielen, die von den Vorlesungen dieses Philosophielehrers gefesselt waren, zählten Hannah Arendt und Golo Mann.

 
Karl Jaspers 1968 (Aufnahme. Horst Tappe) (UnivOl)

Der »philosophischen Weltorientierung« des Menschen, so führt Jaspers in seinem dreibändigen, 1932 erschienenem Hauptwerk »Philosophie« aus, sind Grenzen der Erfahrbarkeit und der wissenschaftlichen Erkenntnis gesetzt. Das Subjekt und Objekt »Umgreifende« ist verstandesmäßig nicht fassbar. Nur Grenzsituationen machen es in Chiffren der Transzendenz erfahrbar und deutbar. Damit rückt Jaspers den Menschen ins Zentrum. Existenzphilosophie ist »das alle Sachkunde nutzende, aber überschreitende Denken, durch das der Mensch er selbst werden möchte«. Um zu sich selbst zu finden und seine Existenz zu erhellen, hat jeder Einzelne in freier Entscheidung seine eigene Wahrheit zu suchen. Diese Wahrheit, die nicht beliebig, sondern auf die Transzendenz verwiesen ist, kann nur in rückhaltloser Kommunikation von Existenz zu Existenz, in »liebendem Kampf« erlangt werden: »Wahrheit ist, was uns verbindet.«

 
Karl Jaspers, 1968 (UnivOl)

Es war ein anderer Jaspers, der sich nach 1945, nach der »deutschen Katastrophe«, zu Wort meldete, einer, den die Schule der Unterdrückung gelehrt hatte, die Einsamkeit des Elfenbeinturms zu verlassen: »Philosophie und Politik sollten sich treffen.« Zentraler Gedanke dabei: »Der Einzelne ist er selbst nur, wenn auch der Andere er selbst ist. Freiheit ist nur in dem Maße, als alle frei sind.« Als unabhängiger politischer Schriftsteller wurde Jaspers einer der einflussreichsten deutschen Intellektuellen der frühen Nachkriegszeit. Auch seine Philosophie hatte Konjunktur. Er bezog Stellung zu Schuld und Verantwortung für die Verbrechen unter dem Nationalsozialismus und war entschiedener Gegner der Atomwaffenpolitik der Großmächte. Je älter er wurde, umso radikaler äußerte er sich. Er kritisierte die Entwicklungstendenzen der parlamentarischen Demokratie, nahm Positionen der Ostpolitik von Willy Brandt vorweg, war Beobachter beim Auschwitzprozess und Gegner der Notstandsgesetzgebung der Großen Koalition. Aus Protest gegen die Kanzlerschaft des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kurt Kiesinger gaben Jaspers und seine Frau ihre deutschen Pässe ab und nahmen die Schweizer Staatsbürgerschaft an. Karl Jaspers starb 1969 in Basel, am 90. Geburtstag seiner Frau Gertrud.

 
Denkmal auf dem Cäcilienplatz (CH)

Denkmal nahe des Elternhauses

Die Stadt Oldenburg setzte ihrem großen Sohn und Ehrenbürger zum 100. Geburtstag auf dem Cäcilienplatz, einen Steinwurf entfernt von Jaspers’ Elternhaus, ein Denkmal. Im Stadtteil Bloherfelde trägt eine Straße seinen Namen, und das ehemalige Landeskrankenhaus Wehnen wurde 2007 umbenannt in Karl-Jaspers-Klinik. 1963, noch zu Lebzeiten des berühmten Philosophen, Psychologen und politischen Schriftstellers, verlieh ihm die Oldenburg-Stiftung, aus der die Oldenburgische Landschaft hervorging, ihren Preis. Eine Ordensverleihung durch die Bundesrepublik im selben Jahr lehnte Jaspers ab. Die Carl-von-Ossietzky-Universität, die seit 1990 die Karl-Jaspers-Vorlesungen zu Fragen der Zeit ausrichtet, hat 2008 zum Jaspers-Jahr erklärt. Es stand unter dem Motto: »Wahrheit ist, was uns verbindet.«

Manfred Richter

Nähere Informationen zum Leben und Werk Karl Jaspers erhalten Sie auf den Seiten der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.