Er war einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, der einflussreichste Neutestamentler des Säkulums und ein Gelehrter von Weltruf: Rudolf Bultmann. Der gebürtige Oldenburger verstand es, historische Rekonstruktion und gegenwartsbezogene Interpretation des Neuen Testaments virtuos miteinander zu verbinden. Selbst ein Meister der historischen Kritik, suchte er die Krise des Historismus mit dem hermeneutischen Konzept der existentialen Interpretation zu überwinden. Mit seinem umstrittenen Entmythologisierungsprogramm brachte er den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens im neuzeitlichen Problemkontext zur Geltung.

 
Glockenturm der St.-Johannes-Kirche mit Kirchenbüro in Wiefelstede (CH)

Rudolf Karl Bultmann wurde am 20. August 1884 in Wiefelstede (Großherzogtum Oldenburg) als Sohn des lutherischen Pastors Arthur Kennedy Bultmann und seiner Ehefrau Helene geb. Stern geboren. Die Familien sowohl des Vaters als auch der Mutter bezogen ihr religiöses Profil aus der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Rudolf Bultmann war ein Urenkel Johannes Ramsauers, eines Schülers und Vertrauten Johann Heinrich Pestalozzis. Ramsauer betätigte sich nicht nur als Prinzenerzieher und als Reformer im oldenburgischen Schulwesen des 19. Jahrhunderts, er brachte auch die erweckliche Frömmigkeit in seine Familie und die Familie Bultmann. Rudolf Bultmanns aus dem Badischen stammende Mutter Helene hielt an ihrem pietistischen Erbe zeitlebens fest, während sein Vater Arthur Kennedy sich um 1900 in einem religiösen Kurswechsel dem liberalen Kulturprotestantismus zuwandte.

 
Zeichnung Bultmanns aus dem Jahre 1901 (Verlag Mohr Siebeck)

Seine Kindheit verbrachte Rudolf Bultmann in Wiefelstede sowie ab 1890 in Rastede, wo sich die Sommerresidenz des Großherzogs von Oldenburg befand. Er wuchs im Kreis seiner Geschwister Peter, Helene und Arthur auf. Noch im Alter war Bultmann die prägende Wirkung, die der bäuerliche Lebensraum und das volkshafte Denken auf seinen wissenschaftlichen Weg ausübten, präsent. 1897 zog die Familie nach Oldenburg um, wo Arthur Kennedy Bultmann eine Pfarrstelle an St. Lamberti antrat. Schon ab Dezember 1895 besuchte Bultmann das Großherzogliche Gymnasium in Oldenburg, das ihm nochmals eine neue Welt erschloss, den Kosmos der humanistischen Bildung. Im Unterschied zu Karl Jaspers, der wiederholt in schwere Konflikte mit der Schulleitung geriet, besuchte Bultmann seine Schule gern. Hier lernte er seinen Jugendfreund Leonhard Frank kennen, einen jüdischen Mitschüler aus Westerstede, mit dem er die oldenburgische Landschaft erkundete und der ihm in der Phase der geistigen Selbstfindung zum ebenbürtigen Gesprächspartner wurde. Bultmann legte 1903 in Oldenburg das Abitur ab. Seine Liebe zur norddeutschen Heimat, zum oldenburgischen Ammerland, zur Wesermarsch und zu Wangerooge, bewahrte er sich zeitlebens.

 
Rudolf Bultmann als Abiturient (Verlag Mohr Siebeck)

Zwischen 1903 und 1906 studierte Bultmann in Tübingen, Berlin und Marburg Evangelische Theologie. Er hörte hervorragende Vertreter insbesondere der liberalen Theologie, den Alttestamentler Hermann Gunkel, die Neutestamentler Adolf Jülicher und Johannes Weiß, die Kirchenhistoriker Karl Müller und Adolf Harnack sowie den Systematiker Wilhelm Herrmann. Diese akademischen Lehrer vermittelten Bultmann ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein und das wissenschaftliche Ethos unbedingter Wahrhaftigkeit. Schon während der letzten Phase seines Anfang 1907 mit Auszeichnung bestandenen Ersten theologischen Examens nahm Bultmann einen Unterrichtsauftrag am Oldenburger Gymnasium wahr, der es dem pädagogischen Autodidakten ermöglichte, eigene praktische Erfahrungen im Unterrichten zu sammeln.

 
Rudolf Bultmann: Der Stil der paulinischen Predigt und die kynisch-stoische Diatribe

Zwischen 1907 und 1916 betätigte sich Bultmann als Repetent an der Hessischen Stipendiatenanstalt in Marburg. Dieses Amt ermöglichte ihm die Promotion mit einer Arbeit zu Paulus (1910) und die Habilitation mit einer Studie zur altkirchlichen Exegese (1912). Von 1916-1920 lehrte Bultmann als Extraordinarius für Neues Testament in Breslau. 1920 folgte er einem Ruf nach Gießen, um schließlich von 1921 bis 1951 in Marburg eine außerordentlich fruchtbare Lehrtätigkeit auszuüben. Bultmann war ein überaus strenger Lehrer, der seine Schüler zu unbedingter Wahrhaftigkeit und selbständigem Denken anzuleiten bestrebt war. Heinrich Schlier, Günther Bornkamm, Ernst Fuchs und Ernst Käsemann attestierten ihrem Lehrer nicht von ungefähr pädagogisches Charisma.

 
Die 'Rudolf-Bultmann-Straße' in Oldenburg (CH)

In der "Akademischen Vereinigung" hatte Bultmann 1914 in Marburg die Studentin Helene Feldmann aus Essen näher kennengelernt. Er verlobte sich mit ihr 1916, schrieb für sie vier Märchen ("Wachen und Träumen", Berlin 2005) und heiratete sie im August 1917. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor: Antje (1918), Gesine (1920) und Heilke (1924). In Marburg erbauten sich die Eheleute Bultmann 1934 in der Calvinstraße 14 ein Wohnhaus, in dem sie bis zu ihrem Tod lebten.

 
Rudolf Bultmann, um 1922 (Verlag Mohr Siebeck)

Mit seiner in Breslau geschriebenen, aber erst 1921 publizierten "Geschichte der synoptischen Tradition" avancierte Bultmann zu einem der Protagonisten der "Formgeschichte" des Neuen Testaments. Wie der Titel dieses forschungsgeschichtlich äußerst wirkungsvollen Buches anzeigt, ging es Bultmann um eine form- und traditionsgeschichtliche Analyse der synoptischen Überlieferung von Jesus (in Mt, Mk und Lk). Er wies dabei zumal auf, dass die Evangelien nicht einfach die Geschichte Jesu abbilden, sondern von Ostern her Christus verkündigen, indem sie seine göttliche Sendung in seinem irdischen Weg zu erkennen geben. Diese Einsicht war kompatibel mit den Anstößen Karl Barths, die alsbald zum Aufbruch der Dialektischen Theologie führten. Bultmann beteiligte sich mit eigenständigen Beiträgen an diesem neuen Ansatz evangelischer Theologie. Die Dialektische Theologie verstand den Glauben nicht mehr als eine religiöse Haltung des Menschen, sondern als Werk, als Schöpfung des der Welt und dem Menschen als der "ganz Andere" gegenüberstehenden Gottes.

 
Michael Mohns: Büste Rudolf Bultmanns in Oldenburg

Ab 1923 trat Bultmann zudem in das intensive Gespräch mit dem Philosophen Martin Heidegger ein, dessen Daseinsontologie ihm dazu verhalf, seine in Grundzügen bereits entwickelte Auffassung von der Geschichtlichkeit des menschlichen Daseins begrifflich zu präzisieren. In der Einleitung zu seinem Jesus-Buch von 1926 entfaltete Bultmann dann wesentliche Gedanken seiner existentialen Interpretation neutestamentlicher Texte und mit dem Titel seiner Aufsatz-Sammlung "Glauben und Verstehen" (1933) markierte er die hermeneutische Pointe der existentialen Interpretation. Es ging ihm einmal darum, die neutestamentlichen Texte als die ursprünglichen Zeugnisse des christlichen Glaubens zu verstehen, und darin zugleich um die Frage, wie sich der Mensch selbst im Hören dieser Texte neu verstehen könne.

 
Rudolf Bultmann: Das verkündigte Wort. Predigten – Andachten – Ansprachen 1906-1941

Während des Dritten Reiches beteiligte sich Bultmann von Beginn an am Widerstand der Bekennenden Kirche gegen die nationalsozialistische Kirchenpolitik. Er kritisierte öffentlich die Diskriminierung der Juden und sprach sich zusammen mit seinem Freund und Kollegen Hans von Soden in mehreren Gutachten gegen die Einführung des Arierparagraphen in der evangelischen Kirche aus. In seinen Lehrveranstaltungen, Predigten und Publikationen machte Bultmann seine Ablehnung der nationalsozialistischen Weltanschauung deutlich. Seinen jüdischen Freunden blieb er in unverbrüchlicher Treue verbunden und er unterstützte sie, wo er nur konnte. In seinem monumentalen, 1937-41 erschienenen Kommentar zum Johannesevangelium sprach Bultmann durch seine Auslegung der Pilatus-Szene dem NS-Staat die Legitimation ab, der vom Neuen Testament gemeinte gottgewollte Staat zu sein.

 
Rudolf Bultmann in Marburg, August 1968 (Verlag Mohr Siebeck)

Mit dem im Juni 1941 in Alpirsbach gehaltenen Vortrag zur Entmythologisierung des Neuen Testaments entfachte Bultmann eine zunächst auf den Binnenraum der Bekennenden Kirche begrenzte Diskussion, die freilich nach dem Zweiten Weltkrieg zu heftigen Auseinandersetzungen weit über Kirche und Theologie hinaus führte. Bultmanns Intention bestand darin, die mythologischen Aussagen des Neuen Testaments nicht etwa zu eliminieren, sondern zu interpretieren. Fundamentalistische Kreise, aber auch einige lutherische Kirchenleitungen stempelten den Marburger Theologen daraufhin faktisch als Häretiker ab. Bultmann sah sich in der Entmythologisierungsdebatte zahlreichen Missinterpretationen ausgesetzt. Dass er auch persönlich mit unsachlichen Angriffen, Schmäh- und Hetzbriefen überzogen wurde, nahm er mit Gleichmut hin. Nicht nur seine Parteigänger, sondern auch die Verständigen unter seinen Kritikern zollten ihm indes Bewunderung für die intellektuelle Redlichkeit, mit der er sich des Problems angenommen hatte, die Wahrheit des christlichen Glaubens gegenüber dem Wirklichkeitsverständnis der Moderne zur Geltung zu bringen.

 
Grabstein 'Rudolf und Helene Bultmann' mit den Steinen, die jüdische Freunde zu seinem Gedenken dort ablegten (Konrad Hammann)

Mit seinem Büchlein "Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen" (1949) sowie mit der in ihrer systematischen Geschlossenheit bis heute nicht überholten "Theologie des Neuen Testaments" (1948-53) zog Bultmann die Summe seines langen Forscherlebens. In seinen letzten Lebensjahren wurde es einsam um den großen Gelehrten. Rudolf Bultmann verstarb am 30. Juli 1976 in seinem Marburger Haus. Gemäß seiner letztwilligen Verfügung kamen in seiner Begräbnisfeier nur Musik, der Gemeindegesang und Worte der Heiligen Schrift zu Gehör. Der Verstorbene hatte sich ehrende Nachrufe und eine Predigt ausdrücklich verbeten, damit an seinem Sarg nicht das Rühmen seiner Person oder seines Werkes die biblische Verheißung überdecke.

 
Büste Rudolf Bultmanns im Innenhof der Alten Universität in Marburg

Bereits zu Lebzeiten erfuhr Bultmann zahlreiche Ehrungen für sein Werk. Er empfing etliche Ehrendoktorate und erhielt 1957 den Reuchlin-Preis. 1969 wurde er in den Orden Pour le mérite gewählt. Die wissenschaftliche Literatur, die sich mit seiner Theologie beschäftigt, ist inzwischen unübersehbar. Nach seinem Namen sind in Marburg, Oldenburg und Rastede Straßen benannt. Am Nachfolgebau seines Geburtshauses in Wiefelstede und an dem Haus, in dem er von 1910-16 in Marburg gewohnt hatte, sind inzwischen Gedenktafeln für den Theologen angebracht. Außerdem erinnern zwei Büsten – die eine im Innenhof der Alten Universität Marburg und die andere am Theaterwall in Oldenburg, ganz in der Nähe des Alten Gymnasiums – an das Leben und Werk des aus dem Oldenburgischen stammenden großen evangelischen Theologen.

Professor Dr. Konrad Hammann

Lit.: Konrad Hammann, Rudolf Bultmann. Eine Biographie, Tübingen: Verlag Mohr Siebeck, 2009.