Der Manierismus Nordwestdeutschlands ist ohne den bedeutenden Bildhauer Ludwig Münstermann (um 1575–1637/38) undenkbar. Sein Schaffensschwerpunkt lag in der Erstellung von religiösen Werken, welche er zu einem Zeitpunkt anfertigte, als sich starke Spannungen zwischen der protestantisch-reformierten und gegenreformatorischen Glaubenshaltung bildeten, die sich auch in der Kunst widerspiegeln: Zum einen herrschte eine extreme Bilderfeindlichkeit, zum anderen wurde sie gezielt als Agitationsmittel eingesetzt.

 

 
Ludwig Münstermann: Sitzfigur des Moses als Kanzelträger, 1612-13 (LMO)

Ludwig Münstermann – Meister seiner Zunft

Der Künstler, wohl in Bremen geboren, wurde 1599 in die Hamburger Drechslerzunft aufgenommen. Hauptsächlich arbeitete er für die Grafen Anton Günther von Oldenburg und Anton von Delmenhorst. Früheste urkundlich belegte Arbeiten von 1607/08 unter der Leitung von Johann Prange sind skulpturale Teile an der Fassade des Oldenburger Schlosses. Jede Arbeit schuf Münstermann zunächst in seiner Hamburger Werkstatt, um sie dann durch Werkstattangehörige vor Ort zusammenbauen zu lassen. Dabei vergaß er jedoch nie, sich als der Meister zu erkennen zu geben und versah seine Kompositionen stets selbstbewusst mit dem Zusatz ‚Bildhauer aus Hamburg’. Münstermanns Œuvre ist dem Manierismus zuzuordnen, einer Stilrichtung zwischen Renaissance und Barock. Der allgemeine Aufbau, die Komposition und die Ornamentik seiner Werke entsprechen noch der Renaissance, der übernaturalistische gesteigerte Ausdruck des Figürlichen stimmt mit dem Barock überein. Meisterhaft beherrschte Münstermann nicht nur den ikonographischen, sondern auch den formalen Kunstapparat seiner Epoche. Insbesondere bei seinen Altaraufsätzen hob der Künstler in zunehmendem Maße figürlichen und ornamentalen Schmuck hervor, die architektonischen Strukturen traten in den Hintergrund.

 
Ludwig Münstermann: Konsolkopf, 1616 (LMO)

Religiöse Werke

In der Zeit zwischen 1612 und 1638 sind ca. 40 kirchliche Kunstwerke wie Altäre, Kanzeln und Taufen erwiesenermaßen angefertigt worden. Viele von ihnen sind bis heute an ihrem Ursprungsort zu finden, wurden jedoch im Wandel der Zeit z. T. ihrer strahlenden Polychromie beraubt. Sind sie jedoch noch im originären Zustand erhalten, so ist bis heute das Zusammenspiel von Licht, Form und Farbe an den Werken, insbesondere an den Altären, abzulesen. In ihnen wird das Ineinandergreifen seiner künstlerischen Konzeptionen und theologischen Programme stets gelungen wiedergegeben.
Nachweislich von Münstermann erstellte Altäre blieben ganz oder teilweise in Varel, Hohenkirchen, Eckwarden, Rodenkirchen, Tossens, Schwei und Berne bewahrt. Ihr figürliches Programm variiert in der Zusammensetzung und im Umfang nur geringfügig.

 
Ludwig Münstermann: Altar der Vareler Schlosskirche (CH)

Der Altar in der Vareler Schlosskirche

Der größte Altar hat sich in der Vareler Schlosskirche St. Petrus erhalten und wurde 1614 angefertigt. Über der Predella des Altares erhebt sich ein viergeschossiger Aufbau, in dessen Mittelachse Münstermann die christologischen Darstellungen ‚Anbetung der Hirten’, ‚Abendmahl’, ‚Kreuzigung’, ‚Auferstehung’, ‚Himmelfahrt’ und bekrönend ein ‚Christus als Weltenrichter’ arrangierte. In den seitlichen Texttafeln der Predella sind die der lutherischen Lehre entsprechenden Einsatzworte des Abendmahls angebracht. Darüber befinden sich in den flankierenden Achsen Statuetten der Apostel, die als Zeugen der Abendmahldarstellung fungieren. Je zwei Apostel umrahmen zudem in den Flügeln des Altars die Bildreliefs Luthers und Melanchthons, die als jüngste Überlieferer der christlichen Lehre stehen. An den Rändern des Retabels sind neben den Putti mit Marterwerkzeugen oder Musikinstrumenten auch als Halbfiguren einige Tugenden angebracht. In den vier Geschossen sind von unten nach oben Fides (Treue) und Caritas (Hochachtung), Spes (Hoffnung) und Justitia (Gerechtigkeit), Temperantia (Mäßigung) und Prudentia (Einsicht), Fortitudo (Tapferkeit) und Patientia (Geduld) gegenübergestellt. Die Bildreliefs wurden aus Alabaster angefertigt, einem Material, das besonders lichtdurchlässig ist. Da der Altar unmittelbar vor den Chorfenstern steht, erwirkte Münstermann ein wunderbares Spiel mit dem „göttlichen Licht“.

 
Ludwig Münstermann: Taufstein mit Deckel (LMO)

Lichtinszenierung in Rodenkirchen

Ein ganz anderes meisterhaftes Können der Lichtinszenierung zeigte er am Altar in Rodenkirchen. Das stark durchbrochene Retabel ist sehr lichtdurchlässig und wirkt dadurch wie erstrahlend. Insgesamt gehört dieser Altar zu einem erstaunlichen Ensemble, das sich aus dem Altar, Kanzel, Taufstein und einem Epitaph zusammensetzt. Das figürliche Programm des Altares ist sehr ähnlich dem aus Varel, jedoch entwickelte Münstermann mit der Zeit eine Art illusionistischen Bühnenraum. Im Zentrum des Hauptgeschosses brachte Münstermann eine figürliche Darstellung des Abendmahls an, an die sich nach hinten verjüngend ein Bühnenraum mit der Bundeslade anschließt.

 
Ludwig Münstermann: Sitzfigur des Moses als Kanzelträger, um 1612-1613 (LMO)

Vom Altar zur Kanzel

Die bereits erwähnte Rodenkirchener Kanzel gehört zu den 14 bekannten Kanzeln Münstermanns, wobei nur die drei Kanzeln in Apen, Rodenkirchen und Holle vollständig mit Schalldeckel erhalten geblieben sind. Der Aufbau und das bildliche Programm der Kanzeln entsprechen der Tradition, sie sind verziert mit Statuetten der Evangelisten, ergänzt durch Patronatsheilige oder Propheten.
Der Kanzelfuß in Rodenkirchen zeichnet sich speziell durch seine einzigartige Figurengruppe aus, die auf Gemälde von Lucas Cranach d.Ä. zurückgehen.
Ein spärlich gekleideter Adam, als Vertreter der Menschheit, sitzt vor einem Baumstamm, dessen Krone auf der linken Seite entlaubt, auf der rechten Seite belaubt ist. Flankiert wird Adam zu seiner Rechten von Moses mit den Gesetzestafeln und zu seiner Linken von Johannes dem Täufer. Johannes hält in seiner Hand eine Bibel und verweist mit einem Finger auf die Evangelien und erstellt so den Bezug zwischen dem Alten und Neuen Testament. Oberhalb der kahlen Baumseite brachte Münstermann in der Brustzone des Kanzelkorbs den Sündenfall, die Anbetung der ehernen Schlange und die Ölbergszene an. Die belaubte Seite wird überkrönt von den Darstellungen der Kreuzigung und der Auferstehung als Zeichen der Gnade Gottes. Weiterer figürlicher Schmuck befindet sich auf fünf Feldern der Kanzelbrüstung, die jeweils von Doppelsäulen gerahmt werden. Paarweise sind vier Evangelisten und Propheten an der Seite des Salvators angebracht, das sechste Feld ist die Tür, die mit einem Schriftzug versehen wurde.

 
Ludwig Münstermann: Ausschnitt Taufsteindeckel, Eichenholz, um 1624 (LMO)

Von der Kanzel zum Schalldeckel

Über der Kanzel erhebt sich der Schalldeckel, dessen Innenseite das Pfingstwunder mit Maria und den zwölf Aposteln ziert, an der Außenseite befinden sich Stifterwappen und Brustbilder der Kirchenväter. Die Dreifaltigkeit in der Laterne und ein Engel mit dem Kirchenmodell bilden den Abschluss des Deckels. Der theologische Bedeutungsgehalt dieser monumentalen Kanzel ist nur im Zusammenlesen der Einzeldarstellungen auf den Reliefs zu verstehen. Der Mensch wird zu einer Entscheidung aufgerufen, um für sich selbst einen Weg zwischen dem Alten und Neuen Testament zu finden. Auch die Laterne mit der Darstellung der Dreifaltigkeit birgt eine Besonderheit, zeigt sie doch die Wiederaufnahme Christi in den Himmel in einer Figurengruppe, welche die Formulierung des Glaubensbekenntnisses ‚Sitzend zur Rechten Gottes’ personifiziert wiedergibt.

 
Ludwig Münstermann: Taufstein mit Deckel, Sandstein u. Eichenholz, um 1624 (LMO)

Taufbecken im Oldenburger Land und in Ostfriesland

Die Taufbecken in Varel, Schwei, Tossens, Holle, Stollhamm, Golzwarden und Hohenkirchen haben sich, wenn auch z.T. nur fragmentarisch erhalten, zudem sind seine Taufsteindeckel in Eckwarden, Abbehausen und Rodenkirchen nachgewiesen. Sind sowohl Taufbecken und dazugehöriger Deckel in der Werkstatt Münstermanns entstanden, so weisen sie ein einheitliches Gliederungssystem auf. Je nach Aufteilung des Beckens in beispielsweise eine runde oder eckige Form, setzt sich diese auch im Deckel fort. Münstermanns Taufsteine sind ausnahmslos in Sandstein erstellt. Bei den Deckeln sind die tragenden Teile aus Eichenholz, für figürliche und ornamentale Partien nutzte er hingegen das leichter zu bearbeitende Lindenholz. Für die Taufbecken in Hohenkirchen, Eckwarden, Golzwarden und Abbehausen arbeitete Münstermann romanische Taufsteine um. Dabei drehte er das Becken um und passte es dem Zeitgeschmack an.

 
Ludwig Münstermann: Taufbecken in der Vareler Schlosskirche (CH)

Taufstein in Abbehausen

Bei dem Taufstein aus Abbehausen in der Kirche St. Laurentius ist diese Zweitverwendung besonders gut zu erkennen. Das rankenverzierte Kranzgesims des alten Beckens gestaltete er um zur Basis des neuen Beckens. Zwei Stufen vermitteln zwischen dem alten Stein und der Sockelzone des jüngeren, in die ein umlaufender Schriftzug eingelassen ist. Dadurch ist das exakte Entstehungsjahr 1628 übermittelt. Der zylindrische Körper mit dem stark auswölbenden oberen Beckenrand wird durch vier Hermenpilaster gegliedert, die die Tugenden Prudentia, Justitia, Temperantia und Patientia darstellen. In den Feldern zwischen den Gliederungselementen auf dem Gesims brachte Münstermann die Hausmarken der Stifter an.

Ulrike Brandt

Weiterführende Literatur: Holger Reimers: Ludwig Münstermann. Zwischen protestantischer Askese und gegenreformatorischer Sinnlichkeit. Marburg 1993

Wilhelm Knollmann, Dietmar Jürgen Ponert; Rolf Schäfer: Ludwig Münstermann. Oldenburg 1992

Martha Riesebieter: Ludwig Münstermann. Berlin 1930

Für weitere Informationen und Führungen: "Auf den Spuren Münstermanns - 10 Kirchen in der Wesermarsch warten darauf, von Ihnen entdeckt zu werden".

Touristikgemeinschaft Wesermarsch (Tel.: 0 4401/ 85 61 14)