Das Steingrab bei Visbek

Gute Ideen brauchen ihre Zeit. Etwa 5.000 Jahre vergingen, bis die Kunst des Ackerbaus und der Viehzucht vom Vorderen Orient bis nach Norddeutschland gelangte. Diese wohl größte Revolution in der Geschichte der Menschheit und der Reichtum, den sie den Gesellschaften der Steinzeit bescherte, hinterließen überall ihre Spuren. Lange vor den Pyramiden entstanden in der Zeit um 3.500 v. Chr. entlang der europäischen Küsten gewaltige Bauwerke, in denen über Jahrzehnte, manchmal über Jahrhunderte hinweg, Tote zur Ruhe gebettet wurden. Als dies längst vergessen war, versuchten sich spätere Generationen einen Reim auf dieses sagenhafte Geschehen zu machen. So etwa für das über hundert Meter lange Steingrab bei Visbek, über das man sich erzählte, dass hier ein ganzer Hochzeitszug zu Stein erstarrt sei, als eine junge Frau zur Heirat mit einem ungeliebten, aber reichen Freier gezwungen werden sollte.

 
Pestruper Gräberfeld (KHZ)

Das Pestruper Gräberfeld

Einmaliges Kulturdokument in Norddeutschland
Der Platz strahlt eine erhabene Ruhe aus. Seine mehr als fünfhundert von Heide bewachsenen Hügel sind ein einmaliges Kulturdokument in ganz Nordeuropa. Manch einer wird eine Gänsehaut bei der Vorstellung bekommen, wenn er erfährt, dass hier Tote verbrannt und ihre Urnen mit den Erdhügeln bedeckt wurden. Eine radikale Änderung im Verhältnis zum Tod, den Vorstellungen von Göttern und übersinnlichen Gestalten muss sich hier ereignet haben: Man begann, Leichen auf Scheiterhaufen zu verbrennen, anstatt sie wie in der Steinzeit unversehrt in Grabkammern niederzulegen.

 
Grabschmuck (LNM)

Es waren reiche Zeiten hoher Kultur, damals: die jüngere Bronzezeit und die vorrömische Eisenzeit im letzten Jahrtausend vor Christi Geburt. Schmelzöfen für Bronze und Eisen wurden in vielen Siedlungen betrieben um hochwertiges Werkzeug, aber auch das Material für wertvolle Ketten und Spangen zu gewinnen. Von einem weiträumigen Transport mit Pferd und Wagen künden aufwändige Bohlenwege, mit denen man das unwegsame Moor überwand. Und mit dem dreischiffigen Bauernhaus entstand ein Haustyp, der in seiner Grundform bis heute besteht.

 
Visbeker Braut (KHZ)

Leichenfund im Moor

Der 15. Oktober 1936 sollte eigentlich ein Tag wie jeder andere im Leben des Torfarbeiters Brüntjen werden – bis er mit seinem Spaten auf eine Leiche stieß. Ungefähr zwanzig Jahre alt war der junge Mann, der hier in Husbäke bei Oldenburg im Moor vor vielen Jahrhunderten den Tod gefunden hatte. Mit seinem Oberlippenbart und seinem kleinen Bärtchen am Kinn wäre er unter jungen Leuten von heute wohl kaum aufgefallen. Mehr wissen wir nicht über ihn. Nur, dass er Fisch und Hirsebrei aß, bevor er starb. Ungewöhnlich war es jedenfalls nicht zu dieser Zeit - kurz nach Christi Geburt - dass man Leichen im Moor versenkte. Diese Landschaft hatte ihre mystische Ausstrahlung schon lange, bevor sie von romantischen Schriftstellern entdeckt wurde. Viele zogen hier seit Jahrtausenden entlang auf den unzähligen Wegen, die man im Laufe der Zeit gebaut hatte. Und die Gefahren beiderseits der Wege ließen es allemal ratsam erscheinen, den Beistand von Göttern und Geistern zu suchen.

Dr. Karl-Heinz Ziessow