Viehtransporte, Öleinfuhr, Auswanderer in die weite Welt

Vierzig Jahre lang, von 1857 bis 1897, war der Norddeutsche Lloyd (NDL) in Nordenham aktiv und trug durch seine Tätigkeit entscheidend zur Industrie- und Ortsentwicklung bei. Die Aufnahme des Viehversandes und der Aufbau eines regelmäßigen Liniendienstes zwischen der Wesermarsch und England gaben den Impuls zur Errichtung von Schifffahrtsanlagen in Nordenham.

 
Wilhelm Müller (MNOR)

Überlegungen zum Bau einer Anlegestelle bei Nordenham gab es seit Anfang der 1850er Jahre, als der Transport von Schlachtvieh aus Butjadingen nach England aufgenommen wurde. Auf Grund seiner günstigen Lage mit einer natürlichen Wassertiefe von bis zu 17m bot sich das Gebiet am linken Weserufer als Hafenplatz an. Der Kaufmann Wilhelm Müller erkannte die wirtschaftlichen Perspektiven, die der zunehmende Viehhandel mit England versprach. Er ließ eine Verladungsbrücke im näher gelegenen Großensiel bauen und vermittelte Viehtransporte von dort nach London und Hull.

 
Lloyddampfer_Schwalbe_1859_

Mit der Gründung des Norddeutschen Lloyd am 20. Februar 1857 sah Müller Chancen, Nordenham als wichtigsten Ausfuhrort heimischen Viehs zu etablieren. Am 28. Oktober 1857 legte das erste Lloyd-Dampfschiff Adler von Nordenham ab. Als Anleger diente ein altes Heringsschiff, das durch einen breiten Steg mit dem Festland verbunden war, der so genannte „Ochsenpier“. Ab 1858 standen sechs Kombischiffe des NDL für den Fracht- und Personenverkehr nach England zur Verfügung.

 
Butjadinger Zeitung, 18. Juni 1884 (MNOR)

1865 erreichte der Nordenhamer Viehversand seinen Höhepunkt, danach gingen die Ausfuhrzahlen wegen der ausländischen Konkurrenz zurück. Auf Grund einer in Deutschland ausgebrochenen Rinderpest 1877 untersagte die englische Regierung die Einfuhr von lebenden Tieren. Für einige Jahre vermochte die Ausfuhr von Schafen eine Alternative zu bieten. Seit dem Beginn des Linienverkehrs wurden als Rückfracht Waren wie Weizen, Baumwolle, Reis und Tee aus England mitgebracht. Diese Güter wurden in Schleppkähne umgeschlagen und weseraufwärts weitertransportiert.

 
Unionpier in Nordenham, 1890 (MNOR)

Parallel zum Güterumschlag entwickelte sich der Personennahverkehr auf der Weser. Der NDL richtete 1862 eine regelmäßige Dampfschiffverbindung zwischen Nordenham, Blexen und Geestemünde ein. Ein weiterer Geschäftszweig des NDL in Nordenham umfasste so genannte „Lustfahrten“. Wilhelm Müller veranstaltete am 16. Juli 1876 zum ersten Mal eine derartige Vergnügungsfahrt zur Wesermündung. Der Seebäderdienst des NDL führte die Gäste zu den Inseln Helgoland, Wangerooge und Norderney, oder auch nach Bremen.

 
Friesischer Hof vor 1890 (MNOR)

Die Hafentätigkeit in Nordenham war zunächst eingeschränkt, da eine Weiterbeförderung nur auf dem Wasserwege möglich war. Auf Betreiben Wilhelm Müllers wurden befestigte Straßen gebaut. 1866 erfolgte zugleich die Verlegung einer Telegrafenstation an den Anlegeplatz. 1874 erwarb Wilhelm Müller den nahe dem Anleger gelegenen Gutshof Nordenham und baute ihn zu dem Gaststätten- und Hotelbetrieb „Friesischer Hof“ aus. Im Mai 1875 konnte auf der erweiterten Strecke der linksseitigen Weserbahn von Brake bis Nordenham ein „secundärer Betrieb“ eröffnet werden. Anfang 1877 wurde dieser Abschnitt auch für den Regelbetrieb freigegeben.

 
Nordenham 1881 (MNOR)

Bremer Kaufleute und Spediteure interessierten sich zunehmend für Nordenham als Waren-Umschlagsplatz. 1875 entstand ein fünfstöckiger Seegüterschuppen mit eigenem Pier, im Jahr darauf wurden Schuppen für Petroleum und Naphtha gebaut. Der Petroleumhandel florierte, denn während geschlossene Häfen die Lagerung von Naphtha wegen der Brandgefahr verweigerten, wurde dies in Nordenham gestattet. Die Einfuhr des deutschen Petroleumbedarfs in den 1880er Jahren verlief zum größten Teil über Nordenham.

 
Nordenhamer Bahnhof (MNOR)

Der Getreidehandel in Nordenham begann ebenfalls nach dem Bau der Eisenbahn und entwickelte sich über 20 Jahre äußerst rentabel. Aber mit der Vollendung der Unterweserkorrektion 1895 stellte sich der Braker Hafen auf die Abfertigung von Massengütern, allen voran auf Getreide, um und der Umschlag in Nordenham ging stark zurück.

 
Lloyddampfer 1895 (MNOR)

Große Bedeutung für Nordenham hatte am 20. März 1890 der Abschluss eines Vertrages zwischen der Großherzoglich Oldenburgischen Eisenbahndirektion und dem Norddeutschen Lloyd. Der NDL pachtete für fünf Jahre die Nutzung der Nordenhamer Hafenanlagen für die Abfertigung der Passagierdampfer nach Übersee. Eine Zusatzklausel vom Oktober 1891 gestattete eine Verlängerung bis Ende 1899. Am 14. April 1890 genehmigte der oldenburgische Landtag den Vertrag und stellte die erforderlichen Gelder von 515.000 Mark zur Verfügung.

 
Lloydpier-gross

Um die Baukosten gering zu halten, sollten die neuen Hafenanlagen möglichst nah am Nordenhamer Bahnhof errichtet werden. In den kommenden Monaten wurden die drei nördlich gelegenen Piers durch einen 308m langen und 14m breiten Längspier verbunden und durch drei Gleise angeschlossen. 1891/92 musste der Längspier auf 600m verlängert werden, damit außer den Schnelldampfern der Nordamerikaroute auch die Frachtschiffe des NDL Platz fanden.

 
Lloydhalle in Nordenham (MNOR)

Bis 1895 wurden alle bisher vorhandenen Pierbauten zu einem geschlossenen, fast 1 km langen Pier verbunden. Es entstanden eine Empfangs- und Revisionshalle, Lagerhallen in beträchtlichen Abmessungen und eine Vielfalt an Hafenlogistik. Am 20. September 1890 legte die Spree, der seinerzeit neueste und größte Schnelldampfer des NDL, erstmalig in Nordenham an.

 
Friesischer Hof 1899 (MNOR)

Zwischen 1890 und 1897 gingen von Nordenham aus 530 Auswandererfahrten in die neue Welt. In den Spitzenzeiten legten zweimal wöchentlich Schnelldampfer Richtung New York und Baltimore mit bis zu 800 Passagieren an Bord ab. Weit über 100.000 Menschen verließen Deutschland über den Hafen Nordenham

 
Nordenham um 1900 (MNOR)

Parallel zum wirtschaftlichen Erfolg der Bremer Reederei nahm Nordenham Aufschwung. Auswärtige Arbeiter und Seeleute fanden Beschäftigung, Händler und Geschäftsleute siedelten sich an und das Gaststätten- und Beherbergungswesen florierte durch den Zustrom von Fremden aus nah und fern. Im Jahr 1895 zählte Nordenham schon 1808 Einwohner.

 
Friesischer Hof 1907 (MNOR)

Ohne die rege Firmentätigkeit des NDL hätte Nordenham, ursprünglich eine Bezeichnung für zwei Bauernhöfe vor der Ortschaft Atens, die Entwicklung zu einem aufblühenden Hafenort nicht geschafft. Die Geschäfte, die mit Hilfe des Herzogtums und der ortsansässigen Kaufleute von 1857 bis 1897 in Nordenham abgewickelt werden konnten, trugen ihrerseits wesentlich zum Erfolg des Bremer Unternehmens bei.

 
Carl Tebbe: Lloydpier (MNOR)

Die Hoffnungen, dass nach Fertigstellung des Hafens in Bremerhaven ein Teil der Abfertigung des NDL in Nordenham verbleiben würde, erfüllten sich jedoch nicht. Mit der Eröffnung des Kaiserhafens am 1. September 1897 zog die Firma mit einem Schlag sämtlichen Betrieb von Nordenham ab.

Britta Giesemann