Die seit 1524 lutherische St.-Ulrichs-Kirche in Rastede, deren Stiftung am 11. September 1059 bestätigt wurde, ist eine Einraum-Kirche mit Krypta, innen 26,50 m lang und 9,50 m breit. Sie hat im Laufe ihrer Geschichte eine Reihe von Erweiterungen, Umbauten und Restaurierungen erfahren. Ihr Turm im Westen ist 34,50 m hoch. Der freistehende Glockenturm im Südwesten der Kirche aus dem 15. Jahrhundert ist 17 m hoch und birgt drei Glocken. Die älteste Glocke wurde 1498 von Johannes Frese aus Osnabrück gegossen und hat den Schlagton e'. Die zweite Glocke, die letzte bekannte Arbeit Freses, wurde 1522 gegossen und hat den Schlagton d'. Die dritte Glocke fertigte 1992 die Glocken- und Kunstgießerei Rincker in Sinn (Lahn-Dill-Kreis); sie hat den Schlagton g'. Der Besucher betritt heute die Kirche durch ein Portal in der Südmauer des Westturms. Im Turmraum befindet sich seit 1959 u.a. der 1757 aus der Basilika des Benediktinerklosters Rastede in die Krypta überführte Sandsteindeckel eines Tischgrabes für Graf Moritz II. von Oldenburg (1361 - 1420), wahrscheinlich aus der gleichen Werkstatt wie der "Bremer Roland".

 
Kanzel von Ludwig Münstermann (EvKiRa)

Kanzel von Ludwig Münstermann

Ältestes Ausstattungsstück der Kirche ist der zylindrische romanische Taufstein aus Baumberger Sandstein, der um 1250 von Bildhauern geschaffen wurde, die ihre Ausbildung in Chartres gehabt haben dürften. 1612 schuf der Hauptrepräsentant des norddeutschen Manierismus, Ludwig Münstermann aus Hamburg (1575 - 1638), die von Graf Anton Günther von Oldenburg (1583 - 1667) gestiftete Kanzel. Die Architekturteile sind aus Eichenholz, geschmückt im Floris-Stil, wobei malachit- und krappgelüsterte Metallfarben ein farbenfrohes Äußeres verleihen. Das ursprüngliche theologische Programm ist zerstört, lässt sich aber noch rekonstruieren. Das vom gräflich-oldenburgischen Bereiter Reinhard Schröder (1594 - 1662) gestiftete Altarretabel wurde 1636 von der Hugenottin Lucretia de Saint Simon geschaffen, unter Verwendung von gotischen Apostelfiguren eines Vorgängeraltars. Auch das heute als Epitaph für Reinhard Schröder und seine Gemahlin bezeichnete Gemälde an der Südmauer des Chores stammt von gleicher Hand wie die des Altarretabels.

 
Epitaph (EvKiRa)

Epitaph

Nach zweijährigen Restaurierungsarbeiten in der Werkstatt von Georg Skrypzak in Schlüterdeich ist das Epitaph für den - so die Inschrift - 30 Jahre im Dienst Graf Anton Günthers von Oldenburg stehenden Bereiter Reinhard Schröder, der 1662 in Rastede im Alter von 68 Jahren selig entschlafen war, am 11. April 2003 an seinen seit 1959 angestammten Platz an der Südwand des Chorhauses der St.-Ulrichs-Kirche zurückgekehrt. Es konnte erstmals wieder vollständig am Palmsonntag der gottesdienstlichen Gemeinde gezeigt werden, nachdem die Bildtafel schon vor einem Jahr für kurze Zeit in Augenschein genommen werden konnte.

 
Tischgrab für Graf Moritz II. von Oldenburg (EvKiRa)

Ein Epitaph ist ein Totengedächtnismal und diente - das zeigen neuere Forschungen - nach evangelischem Verständnis dem Bekenntnis zum Glauben an Christi Tod und Auferstehung, wollte außer der Person des Verstorbenen dem Betrachter auch die Gnade Gottes vergegenwärtigen und die politische Ordnung im Kirchenraum sichtbar machen. Das Gemälde zeigt vor der Kulisse der idealisierten Stadt Jerusalem Maria, die Mutter Jesu, und seinen Lieblingsjünger Johannes unter dem Kreuz. Im Vordergrund knien Reinhard Schröder und seine Gemahlin. Das Gemälde wird von einem im Ohrmuschelstil reich verzierten Rahmen umgeben. Da keine originale Farbfassung gefunden werden konnte, präsentiert er sich nach der Restaurierung holzsichtig mit einigen Vergoldungen, bekrönt von einer Kartusche, in der nun die Bibelstelle Psalm 33 Vers 17 - 19 den Betrachter zum Nachdenken anregen soll: "Rosse helfen auch nicht; da wäre man betrogen; und ihre große Stärke errettet nicht. Siehe, des Herrn Auge achtet auf alle, die ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen, dass er sie errette vom Tode."

 
Deckenmalerei in der St.-Ulrich Kirche (EvKiRa)

Deckenmalerei in der St. Ulrich-Kirche

Auf der Nordseite des Chores befindet sich der heutige sog. herzogliche Kirchenstuhl im Stil des Rokoko. Hinter dem Altar sind drei historistische Motivfenster zu sehen, gestiftet 1909 von Großherzog Friedrich August von Oldenburg (1852 - 1931) zum 850-jährigen Bestehen der Rasteder Kirche und gefertigt von der Fa. Franke in Naumburg/Saale. Zum 900-jährigen Kirchenjubiläum 1959 stiftete Nikolaus Erbgroßherzog von Oldenburg (1897 -1970) das Ulrichsfenster in der Südmauer des Kirchenschiffs. Es wurde nach einem Entwurf von Prof. G. von Lehoczký (Saarbrücken) von der Glasmalerei J. Wenzel (Saarbrücken) gefertigt. Die zweimanualige Orgel baute 1970 Alfred Führer in Wilhelmshaven. Bei der letzten großen Restaurierung 1982 - 1984 wurden einige verborgene Schätze wieder sichtbar gemacht: ein Wandtabernakel in der Nordwand des Chores, ein Weihekreuz hinter dem Altar, barocke Fenstereinrahmungen in Freskotechnik sowie die Deckenmalerei - blaue Wolken auf hellem Untergrund - aus dem Jahre 1696. Ebenfalls freigelegt wurden die von zwei verschiedenen Künstlern 1774 vollendeten Rocaillen an der Empore, gemalte Grotten- und Muschelornamente.

 
Hallenkrypta in der St-Ulrich-Kirche (EvKiRa)

St. -Annen Kapelle

Zum ältesten Bestand der St.-Ulrichs-Kirche gehört die frühromanische dreischiffige Hallenkrypta unter dem Chor - einzigartig für eine nordwestdeutsche Pfarrkirche! Mit der nach Bremer Vorbild erbauten Krypta verknüpft ist die Sage vom Löwenkampf des Grafen Friedrich und die Gründung des Benediktinerklosters Rastede 1091, in dem 1336 die Oldenburger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels vollendet wurde. Im Spätmittelalter erhielt die Krypta den Namen St.-Annen-Kapelle; seit dem 18. Jahrhundert wurde sie auch als Grablege genutzt. Noch heute ruhen in einem barocken Sandsteinsarkophag die sterblichen Überreste der Prinzessin Sophie Eleonore von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Beck (1658 - 1744). Die Krypta ist in den Jahren 2001 und 2002 konserviert und vorsichtig restauriert worden.

Evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Rastede - Hahn-Lehmden - Wahnbek

Michael Kunsch

 
 Romanischer Taufstein (EvKiRa)

Weiterführende Literatur:
Michael Kusch, St.-Ulrichs-Kirche Rastede (Kleiner Kunstführer Nr. 2694), Regensburg 2008. Es werden auch die St.-Johannes-Kirche in Hahn-Lehmden und die Willehad-Kirche in Wahnbek behandelt. Der Kleine Kunstführer ist für € 3,00 im Kirchenbüro und im Eine-Welt-Laden in Rastede erhältlich.

Außerdem werden nach Absprache mit dem Kirchenbüro auch Kirchenführungen durchgeführt.