Die oldenburgische Wesermarsch besteht aus dem südlich gelegenen Stedingen und aus den friesisch besiedelten Gebieten des Stadlandes und Butjadingens im Norden. Mit ihren Marschböden war und ist die Wesermarsch besonders gut geeignet für die Vieh- und Pferdezucht. Früher hat dies die Wesermarsch zu einem der wohlhabendsten Landstriche im ganzen Oldenburger Land gemacht. Dementsprechend haben die reichen Marschbauern auch für eine standesgemäße Ausstattung ihrer Gotteshäuser mit Altaraufsätzen, Kanzeln, Taufsteinen und Orgeln gesorgt.

 
St.-Gallus-Kirche in Altenesch (OldbgLJW)

Viele der Kirchen in der Wesermarsch liegen in herausgehobener Position auf Wurten, so dass sie vor Hochwasser geschützt waren. Nach der Reformation sind die Kirchen mit Emporen, sogenannten Priecheln, versehen worden, um Platz für mehr Gottesdienstbesucher zu schaffen. Diese Emporen prägen bis heute die Innenräume vieler Kirchen der Wesermarsch. In den Kirchen der Wesermarsch haben sich zahlreiche Bildwerke des Bildhauers und Bildschnitzers Ludwig Münstermann aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts erhalten, der fast ausschließlich für die Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst gearbeitet hat.

 
St.-Hippolyt-Kirche in Nordenham-Blexen (OldbLJW)

Im folgenden Kurzüberblick kann nur eine grobe Übersicht geboten werden, weil die Wesermarsch zahlreiche bedeutende Kirchenbauten besitzt. Zu den ältesten Kirchen der Wesermarsch zählt die St.-Hippolyt-Kirche in Nordenham-Blexen. Sie geht auf einen Vorgängerbau aus der Zeit der Sachsenmission im späten 8. Jahrhundert zurück. Der heutige Bau wurde im 11. Jahrhundert begonnen, das Langhaus stammt wohl aus dem 12., der Turm aus dem 13. Jahrhundert. Im Chor ist bei Ausgrabungen ein Märtyrergrab gefunden worden, das als Schaugrab gestaltet war. Sein Nachfolger scheint das sogenannte Polsgrab mit Hagioskop im Norden neben dem Chor zu sein, das Ziel von Wallfahrten gewesen ist. Mit seiner spätgotischen Sakramentsnische und dem im 19. Jahrhundert umgestalteten Münstermann-Altar aus dem 17. Jahrhundert, der Kanzel des Münstermann-Sohnes Johann sowie weiteren bedeutenden Ausstattungsstücken gehört die Blexer Kirche zu den wichtigsten Kirchen in der Wesermarsch.

 
St.-Laurentius-Kirche in Langwarden (OldbLJW)

In Langwarden befindet sich die St.-Laurentius-Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Die romanische Saalkirche mit Apsis besitzt eine geschnitzte gotische Sakramentsnische aus dem 15. Jahrhundert, ein Altarretabel aus der Münstermann-Nachfolge sowie eine Orgel aus dem 17. Jahrhundert. Die St.-Aegidius-Kirche in Berne wurde nach der Schlacht von Altenesch 1234 nach dem Vorbild der Bremer Liebfrauenkirche zu einer dreischiffigen Hallenkirche erweitert und sollte als Siegesdenkmal des Bremer Erzbischofs den Sieg des Kreuzfahrerheeres über die Stedinger im Jahr 1234 in Erinnerung halten. Teile der Kirche stammen noch vom Vorgängerbau des 12. Jahrhunderts. Besonders hervorzuheben ist das Altarretabel aus der Münstermann-Werkstatt und ein hinter dem Retabel an die Wand gemalter Schattenriss, mit dem anscheinend die Wirkung des Altars vor seiner Ausführung geprüft werden sollte.

 
St.-Matthäus-Kirche in Rodenkirchen (OldbgLJW)

Bedeutend sind schließlich die Kirchen in Rodenkirchen und Esenshamm. Die Rodenkircher St.-Matthäus-Kirche (13. Jahrhundert) fällt besonders durch ihr Querhaus und durch die schön gestalteten Türgewände an Nord- und Südportalen auf. Beeindruckend ist die Ausstattung mit großartigem Altarretabel, Taufstein, Kanzel und Epitaph von Ludwig Münstermann. Die ebenfalls dem Evangelisten Matthäus geweihte Kirche von Esenshamm ist vor allem wegen ihrer historischen Bedeutung als Kirchenburg wichtig: Sie war von Palisaden und einer Graft umgeben und wurde mehrfach belagert, der Turm untergraben und zerstört. Wohl im 14. Jahrhundert entstanden zeigt sie mit ihren Rundbogenfenstern noch romanische, mit dem Spitzbogenportal mit Wimperg und dem 5/8-Chorabschluss aber schon gotische Stilelemente.

 
St.-Bartholomäus-Kirche in Tossens (OldbgLJW)

Ein romanisches Langhaus des 13. Jahrhunderts und einen gotischen Chor des 15. Jahrhunderts besitzt auch die St.-Bartholomäus-Kirche von Golzwarden, die im Mittelalter ebenfalls als Festung diente und deren Turm im 16. Jahrhundert abgebrochen wurde. Die St.-Bartholomäus-Kirche von Tossens mit romanischem Langhaus aus dem 14. Jahrhundert und gotischem Chor des 15. Jahrhunderts besitzt ein Altarretabel und einen Taufstein mit Deckel von Ludwig Münstermann. Auch das Schiff der St.-Gallus-Kirche von Altenesch stammt aus dem 13. Jahrhundert, während der Chor jünger ist. Die Kirche hat eine Kanzel von Ludwig Münstermann und eine Wilhelmi-Orgel aus dem späten 18. Jahrhundert, das wohl einzige erhaltene Werk dieses Orgelbauers. Die Überlieferung, nach der die Gefallenen der Schlacht von Altenesch zwischen den Stedingern und einem Kreuzfahrerheer (1234) unter der Kirche begraben seien, hat sich nach archäologischen Untersuchungen nicht bestätigt.

 
Kirchen in der oldenburgischen Wesermarsch (OldbgLJW)

Eine dreischiffige gotische Hallenkirche ist die Heilig-Kreuz-Kirche von Bardewisch aus dem 14. Jahrhundert. Einfache gotische Kirchen finden sich mit der St.-Lamberti-Kirche in Eckwarden und der St.-Marienkirche in Neuenhuntorf, beide aus dem 15. Jahrhundert. In Neuenhuntorf ist das schöne spätgotische Altarretabel mit Statuette der thronenden Muttergottes hervorzuheben. Die Eckwarder Kirche besitzt das aufwendigste Münstermann-Epitaph. Der Bildschnitzer hat es für den Vogt Meent Syassen und seine Familie geschaffen. Zu erwähnen sind hier ferner die beiden St.-Marien-Kapellen von Warfleth und Lemwerder, beide aus dem 15. Jahrhundert und beide nahe am Weserdeich gelegen. Die Kirche von Elsfleth stellt etwas Besonderes dar. Sie besteht aus zwei Schiffen, die rechtwinklig aneinandergesetzt sind. Das west-östlich orientierte Schiff stammt noch aus der Zeit um 1500, das angebaute Schiff aus dem späteren 17. Jahrhundert. Damit zählt sie zu dem äußerst seltenen Typus der Winkelkirchen.

 
Ludwig Münstermann: Sitzfigur des Moses als Kanzelträger, 1612-13 (Landesmuseum Oldenburg)

Aus der Zeit der Renaissance und des Barock gibt es ebenfalls einige Kirchenbauten in der Wesermarsch, die in ihrer Architektur jedoch weniger die reiche Formensprache dieser Perioden aufweisen, sondern im Ganzen eher schlichte Bauten sind, die sich aber durch ihre reiche Innenausstattung auszeichnen. Die St.-Secundus-Kirche in Schwei (1615/16) hat neben einem später umgestalteten Altar aus der Münstermann-Werkstatt einen Taufdeckel von Ludwig Münstermann und eine Kanzel des Meisters, deren Kanzelkorb von der Gestalt des Mose getragen wird.

 

 
St.-Marienkirche in Neuenhuntorf (OldbgLJW)

Hervorzuheben sind weiterhin die Kirchen von Bardenfleth (St. Anna, 1620) als einziger Fachwerkkirche der Wesermarsch und des ganzen Oldenburger Landes – abgesehen von der von außerhalb hierher versetzten Kirche im Museumsdorf Cloppenburg – und die Kirche von Seefeld (1675), letztere eine Stiftung des illegitimen Sohnes des Grafen Anton Günther von Oldenburg, Graf Anton von Aldenburg. Die spätbarocke Friedrichskirche von Hammelwarden, benannt nach König Friedrich V. von Dänemark, zeichnet sich durch ihren zeitgenössischen Kanzelaltar aus.

 
St.-Aegidius-Kirche in Berne (OldbgLJW)

Ovelgönne hat mit seiner klassizistischen St.-Martins-Kirche von 1809, in die zudem noch Schulhaus und Pastorenwohnung integriert sind, ebenfalls einen besonderen Kirchenbau. Zur Ausstattung zählt auch hier ein Kanzelaltar. Erbaut wurde sie auf Veranlassung Herzog Peter Friedrich Ludwigs von Oldenburg von dessen Architekten Josef Bernhard Winck, der im Auftrag des Herzogs auch die Oldenburger Lambertikirche im klassizistischen Stil umgebaut hat. Aus dem späteren 19. Jahrhundert stammt die neugotische St.-Petri-Kirche von Burhave, die mittelalterliche St.-Nikolai-Kirche von Stollhamm erhielt in derselben Zeit einen Backsteinmantel in neuromanischen Formen.

 
St.-Marien-Kirche in Brake (OldbLJW)

Für die jüngere Vergangenheit sei zumindest die katholische St.-Marien-Kirche in Brake genannt, die in ihrer Architektur die Formen eines Schiffes aufnimmt und die mit ihrem von einem Anker mit Kreuz bekrönten Turm zusammen mit der Turmspitze der neugotischen evangelischen Stadtkirche stadtbildprägend ist. Weitere historische Kirchen befinden sich in Atens, Großenmeer, Jade, Neuenbrok, Oldenbrok, Strückhausen und Waddens und natürlich im ehemals oldenburgischen Dedesdorf auf der östlichen Weserseite.

Dr. Jörgen Welp