Im November beginnt in Norddeutschland traditionell die Grünkohlsaison. Besonders in den Städten Oldenburg und Bremen praktizieren die Menschen gerne verschiedene Rieten, die Rund um dieses Wintergemüse Tradition haben. Es ist nicht überliefert, seit wann Grünkohl hier im Norden gegessen wird. Erwähnt wird er 1586 in einem Brief von dem Gelehrten Justus Lipsius, der auf einer Reise durch das Oldenburger Land an einem Kohlessen teilnahm. Dieser Herr allerdings fand die Oldenburger Essgewohnheiten sehr abstoßend. "Doch da kommt der ersehnte zweyte Gang, die Hauptschüssel Eine ungeheure Kumme voll braunen (grünen) Kohls! Einen Finger breit darüber her fließt die Brühe von Schweinefett. Diesen Ambrosia essen meine Westphälinger nicht, sie verschlingen ihn. Mich ekelt er an."

 
Grünkohlanbau (CH)

Herkunft und Anbaugebiete – Grünkohl oder Braunkohl

Ursprünglich kommt der Grünkohl aus dem östlichen Mittelmeerraum, vermutlich aus Griechenland, wo schon um 400 v. Chr. ein Vorläufer des heutigen Grünkohls bekannt war. Heute sind die Hauptanbaugebiete von Brassica oleracea acephala, so der botanische Name des Grünkohls, in Mittel- und Westeuropa, Nordamerika sowie West- und Ostafrika. In Deutschland ist jedoch hauptsächlich heimischer Grünkohl zu bekommen, und ungefähr ein Drittel der deutschen Grünkohlproduktion stammt aus Niedersachsen. Im Norddeutschen Raum ist Grünkohl auch unter anderen Namen bekannt, je nach Region, als Braunkohl, Krauskohl, Winterkohl oder auch „Oldenburger Palme“. Grünkohl ist ein schnellwüchsiger Blattkohl. Er ist außerdem zweijährig, das bedeutet, dass Grünkohl im ersten Jahr nach der Saat einen Spross mit offener Blattrosette bildet. Erst im zweiten Jahr blüht er und kann geerntet werden. Bis zu einem Meter sprießt der Strunk der Grünkohlpflanze aus der Erde, die Blätter sind stark gekräuselt und variieren auch in der Farbe. Die Bezeichnung Braunkohl, wie sie in Bremen verwendet wird, rührt daher, dass früher in dieser Region eine Kohlart angebaut wurde, die braun war. Heute allerdings ist der grüne Kohl verbreiteter.
.

 
Grünkohl (CH)

Eisiges Vergnügen

Die Grünkohlsaison beginnt jedes Jahr traditionell im November, nach dem ersten Frost, den der Kohl braucht, um sein volles Aroma zu entwickeln. Die eisige Kälte wandelt einen Teil der im Grünkohl enthaltenen Stärke in Zucker um. Dadurch bekommt der Kohl seinen herb-süßen Geschmack. Grünkohl verträgt Temperaturen von minus 10 bis 15 Grad Celsius und ist ansonsten auch sehr anpassungsfähig und anspruchslos. Grünkohl kann den ganzen Winter über geerntet werden, Ende der Grünkohl Saison ist normalerweise im März. Grünkohl ist zudem sehr gesund. Nach Paprika und Brokkoli ist Grünkohl das Gemüse mit dem höchsten Vitamin C Gehalt. Aber auch Vitamin A,E,K, und B2 sind darin enthalten, sowie viele Mineralstoffe (Kalium, Calcium, Magnesium, Eisen), Eiweiß und Kohlehydrate. Grünkohl ist also gerade im kalten Winter ein sehr guter Energiespender und trägt zur Stärkung des Immunsystems bei. Wie man Grünkohl genießt, variiert von Region zu Region. Hauptsache, es schmeckt. In Bremen und Oldenburg gehört die Pinkelwurst zu einem richtigen Grünkohlessen dazu, in Braunschweig und Hildesheim Bregenwurst, und in Hamburg mag man zum Kohl Kassler und Röstkartoffeln.

 
Kohlfahrt (CH)

Kohlfahrten

Sogenannte Kohlfahrten kann man den Winter über oft beobachten. Eigentlich sind sie aber nur in den Umgebungen von Oldenburg und Bremen sowie in Ostfriesland bekannt. Aber auch hier wurde schon aus dem 19. Jahrhundert überliefert, dass wohlhabende Geschäftsleute im Winter mit der Kutsche aufs Land fuhren, um dort in den Gasthöfen Grünkohl serviert zu bekommen. Heute sind die Kohlgesellschaften zu Fuß unterwegs, und ein Bollerwagen mit Schnaps beladen ist stets dabei. Ziel dieses Wanderausflugs ist ein Lokal, indem später das Kohlessen stattfindet. Doch auf dem Weg dorthin finden allerlei Späßchen und Spielchen statt, damit die Teilnehmer sich das spätere Kohlessen verdient haben. Ein beliebter Sport in Ostfriesland ist das Boßeln, dass zu manch einer Kohlfahrt dazu gehört und dem die Straße als Spielstrecke dient. Höhepunkt einer jeden Kohlfahrt ist die Wahl zum Kohlkönig und zur Kohlkönigin. Diese können durch verschiedene Arten ermitteln werden: eine Jury prüft, wer am meisten Kohl gegessen hat. Dazu kann auch eine Waage herangezogen werden, und die Teilnehmer müssen sich vor und nach dem Essen wiegen. Es existieren aber auch eine Bandbreite von Spielen, die diese Entscheidung abnehmen. Zum Kohlkönig bzw. zur Kohlkönigin ernannt zu werden, ist eine besondere Ehre. Demjenigen, dem sie zuteil kommt, hat für gewöhnlich die Aufgabe, die Kohlfahrt im nächsten Jahr zu organisieren.

 
Marktplatz - Rathaus Obere Rathaushalle. Fotograf: unbekannt. Bildquelle: BTZ Bremer Touristik-Zentrale (BTZ 1063)

Die Schaffermahlzeit

Die Städte Oldenburg und Bremen sind die Hochburgen der deutschen Kohl-Kultur. Gerne wird sich hier gestritten, ob die richtige Bezeichnung nun Braunkohl oder Grünkohl sei, was man dazu isst und trinkt, oder wo der Kohl seine längere Tradition hat. Tatsache ist, dass das erste bekannte Kohlessen die Schaffermahlzeit in Bremen war. Seit 1545 findet hier jährlich ein feierliches Mahl statt. Teilnehmer sind heute Kapitäne, Reeder, Kaufleute und ihre Ehrengäste aus Politik und Wirtschaft. Aus dem einst schlichten Stockfisch-Essen wurde im Lauf ein fünfstündiges Mahl der Zeit mit festgelegter traditioneller Speisenfolge. Natürlich darf hier der Grünkohl nicht fehlen.

 
Grünkohl (CH)

„Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“

Das „Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten“ ist ein jährlich ausgerichtetes Mahl der Stadt Oldenburg, das in Berlin stattfindet und zu dem hochrangige Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur eingeladen werden. Ursprung hatte das Ganze 1956, als die Oldenburger den ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss in ihre Stadt einladen wollten, der allerdings keine Zeit hatte. So wurde kurzum ein Grünkohlessen nach Oldenburger Art in Bonn ausgerichtet, und Herr Heuss ließ sich die Gelegenheit natürlich nicht entgehen. Seitdem findet nun jährlich dieses Essen statt, seit 1998 allerdings in Berlin. Seit dem ersten Jahr hat sich der Ablauf dieser Kohlmahlzeit nicht verändert. Nach Reden des Vertreters der niedersächsischen Landesvertretung, dem Oldenburger Oberbürgermeisters, einem Vertreter der gastgebenden Stadt und des scheidenden Kohlkönigs folgt das streng festgelegte Mahl. Im Laufe der Jahre hat es schon einige bekannte Kohlköniginnen und Kohlkönige gegeben, zum Beispiel Joschka Fischer und Angela Merkel.

Wiebke Holzapfel